Walisisches Wetter (Kirsten 5)
O.k., Entwarnung, die Temperaturen steigen auf weltmeisterliche 18 bis 20 Grad derzeit. Aber Mann, war das kalt in Deutschland in den Tage zuvor. Wahnsinnig widerlich eklatant eklig scheißkühl saukalt, und das sage ich und bin Deutsche. Die armen Fußballteams aus anderen Ländern, die mittlerweile alle da sind, die hier trainieren und frieren und versuchen müssen, ihre Muskeln zu erwämen … aber es war so kalt. So kalt.
Die Brasilianer! Sie trainierten und froren. Die armen Spanier! Sie trainierten und froren.
So kalt war es ja eigentlich gar nicht. Im Winter ist es kälter, aber da ist es so kalt, wie es im Winter eben ist. Letzte Woche es so kalt, wie es im Frühling eigentlich nicht ist, als wie wenn es im Winter hunderttausend Grad minus wäre. Da fror der Ball ja am Rasen fest, brach den Fußballern Eiszapfenrotze an der Nase ab.
Ich habe mich jetzt ein paar Tage vom Fußballhickhackschnickschnack erholen können, ausgerechnet in England, was sich ja gerne als Mutterland des Fußballs ausgibt, was aber Quatsch ist, weil Fußball gar keine Mutter hat, sondern nur einen Vater. Und das Vaterland ist China. Vielleicht dachten die Engländer, dass sie das Mutterland des Fußballs sind, weil sie die meisten Hooligans haben … hatten. Jetzt ist Polen das Mutterland des Fußballs, wenn es danach geht.
In England hatte ich jedenfalls meine Ruhe davor, aber das war ja auch in Wales, in Großbritannien. Dort war niemand aufgeregt wegen der WM. Ach, ist das nächste Woche schon? Really? Wales spielt nicht mit, so einfach ist das. Für England wollen sie nicht sein, lieber noch für Schottland oder Irland. Die spielen aber auch nicht mit.
Ich war in Hay, bei einem Literaturfestival. Hay, das klingt doch beschwingt. Hay, ist doch schön hier! Es war auch total schön da, bis auf … Nee, es war schön da. Normalerweise müsste da ja stehen, bis aufs Wetter, weil ist ja Großbritannien, aber es war fantastisch. Es war einfach Frühling, etwas, was dieses Jahr für Deutschland ausfällt. Und warum? Weil gerechtigkeitshalber mal schönes Wetter in Großbritannien ist. Die haben unser Wetter und wir deren. Das passiert alle zwanzig Jahre mal. Das können wir denen ja auch ruhig mal gönnen, so wie das dritte Tor in Wembley. Sonst wären die Engländer doch nie Weltmeister geworden.
Wenn in Hay nicht über Literatur geredet wurde, dann wurde über das Wetter geredet. Das Wetter wurde so oft und übertrieben gelobt, dass ich eine klare Vorstellung davon bekam, dass es eine Ausnahmeerscheinung war. The weather is so lovely, isn‘t it? Der italienische Autor, den ich kennen lernte, verlor kein Wort über das Wetter. Wahrscheinlich fand er es kalt. Christiano, so hieß er, reiste dann recht schnell ab, weil er zu einem Fußball-Länderspiel der Schriftsteller fuhr. Da war er wieder, der Fußball, der einem so am Hacken klebt!
Als ich von Hay fortmusste – Hay, Kopf hoch – und mit dem Auto durch England nach London fuhr, da fuhr ich auch wieder in das WM-Fieber hinein. Viele Autos hatten das Fähnchen des heiligen Georg am Auto, ein dünnes verlängertes rotes Kreuz, weil das englische Team hilfsbedürftig ist? Weil es darauf angewiesen ist, Tore zu schießen, die gar keine sind? Hay, just kidding!
Der Fahrer rechts neben mir schimpfte auf die englischen Fans und auf deren Fahnen am Auto. Die flatternden Fahnen würden die Vögel verschrecken. Das sollte verboten werden. Die Fahnen könnten auch abgehen und einem Kind ins Auge fliegen. Sie sollten wirklich verboten werden. Ja, der Fahrer war aus Wales.
Zurück in Berlin empfing mich das englische Wetter. Hay, aber immer, wenn hier kein schönes Wetter ist, dann ist woanders schönes Wetter. Und wenn wir nicht Weltmeister werden, dann werden andere Weltmeister.

