Public Viewing! (Kirsten 6)
Unglaublich – jetzt wird tatsächlich Fußball gespielt. Ich hatte schon ganz vergessen, worum es eigentlich bei der WM geht. Fußball. Schöne Geräusche waren das. Schnongs wird der Ball getreten und zischt durch die Luft, der fette Vogel Fußball, dessen Flügel die Füße der Menschen sind.
Flapp-Brüll, landet der Ball in einem Tor und bewegt die Gemüter.
Grabsch-Brüll, wird der Ball gehalten und bewegt die Gemüter. Der Torwart schwitzt, der Schiri flitzt, oh, schöner Fehlpass. Gelbe Karten, rote Karten, Landkarten.
Wo liegt eigentlich Costa Rica? Hinter Deutschland. La-La-La-La-Bummbumm.
Gestern habe ich beim späten Frühstück meiner Freundin Imke von meinem Honig und meiner Tageszeitung abgegeben. Ich wollte über Fußball lesen, sie nicht. Sie nahm den Berlin-Teil und das Feuilleton. Alles voller Fußball. Daraufhin warf sie die Zeitung zurück auf den Tisch und fragte mich, was daran bitte so interessant ist, an dem ganzen Getrete.
„Alles!“, sagte ich total verknallt.
Das sage ich auch immer, wenn ich gefragt werde, was ich an meinem Freund toll finde. Alles, da bin ich ganz dumm vor Liebe.
Ich nahm Clara einfach mit zum Fußballkucken, England – Paraguay, an einen öffentlichen Ort. Immerhin war ich letztens mit ihr bei dem langweiligen Konzert von irgendwelchen Schulfreunden von ihr, die schlimmes Achtziger-Jahre-Gepiepe-mit-Yeah-Yeah gemacht haben, mit Sonnenbrillen auf und um die Schultern gebundenen Pullovern.
Da ist Fußballkucken echt besser. Wir machten „public viewing“, hab ich in der Zeitung gelesen, dass das jetzt so heißt. Irre, das hat mein Opa früher auch immer gemacht, wenn der FCK gespielt hat – Fußball-Club Karl-Marx-Stadt. Er hat sich mit den Gartennachbarn auf die Terrasse gesetzt und rumgebrüllt.
Ich ging zum Public Viewing ins Café Moskau, wo sich Puma einen abgebastelt hat, um Fußballfeeling aufkommen zu lassen. Grüne Teppiche, wow! Es waren wenige Fußballkucker da, die meisten, die da waren, aßen Wurst, redeten oder spielten Kicker. Das war auch alles interessanter als das Spiel. England ließ ein Eigentor schießen und gewann. Meiner Freundin fiel die Langeweile aus dem Gesicht. Sie schaute mich immer wieder entsetzt an, dass dieses Ballhinundher von internationalem Interesse sein konnte.
„Na ja, das war jetzt nicht so doll“, sagte ich, „aber wir können doch die nächsten Tage noch ein anderes Spiel kucken, kann ja nur besser werden." Meine Freundin schüttelte still den Kopf. Und bevor ich zum Ausgleich nochmal mit zu den Achtziger-Jahre-Spacken mit der Sonnenbrille mitmusste, überredete ich sie lieber nicht weiter. Für Schweden – Trinidad-Tobago hatte ich dann auch keinen Nerv mehr und erfuhr später, dass es unentschieden ausging. Das dritte Spiel des Tages war dann aber super, flink, pfiffig, mutig. Siehste Imke! Das meine ich! Aber Imke hatte es für immer aufgegeben.
Immer, wenn ich meinen Freund mal vorzeige, wie witzig er ist, wie lieb, wie klug, dann hat er mehr Lust, störrisch zu sein und schlechte Witze zu machen.
Ich finde alles an ihm gut.

