Herr Lehmann (Elli 5)
Elli allein zuhaus. Weshalb in die Ferne schweifen, wenn man auch in Köln-Nippes frustriert sein kann. Nach dem Polen-Spiel, als ein La-Ola-Tsunami durchs Land fegte und auch das Rheinland bis tief in die Morgenstunden feierte, hing ich arme Sau zu Hause vor dem Fernseher fest. Elli Hinkebein – mein Knie ist eher schlimmer denn besser geworden, bandagiert und mit dicken Eisbeuteln bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Meinen Max habe ich zu seinen halbdebilen Fußballkumpels geschickt («Finale, oohoo, Finale, ooohooho»); wenn ich derzeit etwas absolut nicht abkann, dann Mitleid mit der armen Elli. Dabei könnte ich mir selbst in den Hintern treten. Wer außer mir ist auch so blöd, sich einer Dampframme wie Helene von Torpedo Mülheim-Süd in den Weg zu stellen?
Immerhin sehe ich in meinem neuen Blutgrätsche-T-Shirt todschick aus, eine Zierde jedes public und sonstigen Viewings. Finde ich jedenfalls. Erst wollte Kirsten natürlich die Bestelladresse nicht rausrücken, weil sie mal wieder exklusiv toll aussehen wollte. Aber als ich ihr versprach, mir nicht die superscharfe schwarzrote Version zuzulegen, sondern in dezenteren Farben aufzulaufen, ließ sie ein müdes www.06shirts.de rüberwachsen. Was nützt mir aber das schönste Outfit, wenn ich am liebsten draußen mit meinen Freundinnen rumtollen und mich an Messi, Ronaldinho und van Persie berauschen würde.
Mann, bin ich wehleidig, ist ja widerlich. Was sollen da erst andere sagen. Der arme Drafi Deutscher zum Beispiel, stirbt pünktlich zum WM-Auftakt. Saublödes Timing. Aber zumindest muss er sich jetzt nicht mehr von Marmor, Stein & Eisen quälen lassen.
Es gibt übrigens auch erfreuliche Neuigkeiten. In den letzten Tagen habe ich in meinem Nippeser Hinterhof eine neue beste Freundin gefunden. Chayenne ist ein schäferhundlastiger Mischling fortgeschrittenen Alters. Sie ist gutmütig, friedliebend und allem Fußballerischen durchaus aufgeschlossen. Ihre Chefin Geertje hat sie passend zum nationalen Anlass mit schwarzrotgoldenen Accessoires ausgestattet, denn Chayenne ist «Jens Lehmann»: eine große Torwarthoffnung. Vor Herrn Lehmann liegt das Spielgerät, ein gelb-schwarzes ballähnliches Etwas, angesabbscht und abgeliebt, ein typisches Lieblingsspielzeug.
Bevor der große Regen kam, lag das gute Tier matt in der Sonne und sah bekümmert aus, genau wie ich. Chayenne hätte sich auch in die angenehme Kühle der Restauratorenwerkstatt zurückziehen können, aber das wäre ein Pyrrhussieg gewesen. Dort wartete nämlich ihre beste Freundin, die Katze Pauli, auf sie. Pauli ist ein flotter Feger, typischer Linksaußen eigentlich. Immer irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Mit ihrem Bällchen beherrscht sie Kunststücke, du glaubst es nicht.
Da schwitzt Herr Lehmann lieber in der Hitze, als sich von einem frechen Youngster wie Pauli tunneln oder mit Übersteigern in den Wahnsinn treiben zu lassen. Irgendwann wird Chayenne zurückschlagen wie der wirkliche Jens im Champions League-Finale gegen den FC Barcelona. Dann wird sie wie von der Tarantel gestochen aus ihrem Strafraum jagen und Pauli von den Bein(ch)en holen. Elfmeter und rote Karte! Endlich, wird Jens Lehmann grinsen und sich in den dunkelsten Winkel des Hofs zurückziehen. Drei Spiele Sperre – großartig!
Nächste Woche starten wir durch, Herr Lehmann, versprochen! Und damit zurück von Chayenne und Pauli zu Kirsten nach Kreuzberg.

