Jenni Zylka (Interview):Kollektiv angeschickerte Jungs


WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen, «ein Volk, ein Land, ein Fussball»: Nervt Sie die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?
Absolut. Das einzig gute ist das neue Langnese-Fußball-Eis mit Trillerpfeife im Stiel - das hat Stil.

Was machen Sie fußballerisch eigentlich während der WM: flüchten, standhalten - oder mitmachen?
Mitmachen soweit es geht, kann mich bei Großsportveranstaltungen einer gewissen Kollektivaufregung immer nicht erwehren, ich guck ja an sich auch sehr gerne und viel Fußball, außerdem sind dann so schön angeschickerte Jungs unterwegs.

In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Grossbildleinwänden: Wie werden Sie sich Ihre liebsten WM-Spiele anschauen?
Alles, am liebsten mit ausgewählten Freunden vorm großen Bild.

Ihr schönstes WM-Erlebnis aller Zeiten? Und/oder das schlimmste?
Hatte nur mal ein herzbrechendes EM-Erlebnis, Deutschland verlor 1992 gegen Dänemark 0:2, was ich ja als Nationalmannschaftshasserin völlig in Ordnung fand, aber deswegen gleich verlassen zu werden...

Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: "I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie „UNS" zu?
Ist mir ziemlich egal.

„Erfolg ist wie ein scheues Reh", weiß Franz Beckenbauer. „Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond." Was muss alles zusammenkommen, damit die deutsche Elf im eigenen Land Erfolg hat?
Echt?! So was ekelig Esoterisches hat Beckenbauer gesagt? Hätt ich ihm gar nicht zugetraut.

Hat Sie die Inszenierung der T-Frage (Kahn oder Lehmann?) eher genervt oder amüsiert? Und: Ist ihre Beantwortung - Jens Lehmann als WM-Torwart Nr. 1 - o.k.? Völlig o.k. ich hasse Kahn, hab richtig Angst vor ihm, den möcht ich nicht zuhause haben, wenn der eins reinbekommen hat...

Szenario: Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie bitte in Stichworten "the day after".
Super! Ätsch! Mir geht diese ganze Deutschtümelei bei den Länderspielen ohnehin auf die Nerven. Außerdem bin ich Polenfan - da wird Zyviec getrunken bis zum Abwinken!

„Die Breite an der Spitze ist dichter geworden", hat Berti Vogts beobachtet. Wem von den Außenseitern (wie Angola, Trinidad & Tobago oder Iran) trauen Sie zu, das Überraschungsteam dieser WM zu werden?
Trinidad & Tobago, da gibts doch genauso viele Mannschaftsmitglieder wie Einwohner oder so... Freuen würde ich mich jedenfalls über einen Außenseiter, je ärmer desto besser, da bin ich straighter Hippie.

Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?
Weltmeister wird wahrscheinlich einer der großen Fünf, aber schöner wär's natürlich, wenn ein klitzekleines, armes afrikanisches oder osteuropäisches Land gegen eine große eingebildete Fußballnation gewinnt. Das ist zwar auch Hollywoodkitsch irgendwie, aber es ist eben wie bei der Bundesliga oder den MTV-Awards: Nichts ist langweiliger, als wenn jahrelang die üblichen Verdächtigen alles absahnen. Und armen Leuten guckt man ja immer lieber beim Freuen zu als reichen.

Die deutschen Frauen um Birgit Prinz und Renate Lingor wurden in den vergangenen Jahren Welt- und Europameister. Was haben die deutschen Fussballfrauen, was ihren männlichen Kollegen fehlt?
Menno, komische Frage – man kann das nicht vergleichen! Frauenfußball find ich prima und guck ich seit kurzer Zeit auch ganz gern, weil es wirklich viel besser geworden ist, hat etwas vom College-Basketball im Gegensatz zur NBA bekommen, aber nichtsdestotrotz gibts da ja einfach kaum Konkurrenz. Abgesehen davon sind die Frauen durchweg sympathischer als die Männer und haben - bis auf ihre Trainerin - bessere Frisuren.

„Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett. Das Denken wird schlicht", so Christoph Biermann von der Süddeutschen Zeitung. Geht es Ihnen beim Fußball ähnlich?
Ja, ist ein bisschen wie laut Musik hören und Bier trinken. Das macht es ja so entspannend.

Bei Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marias Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?
Ich bin offiziell Schalke-Fan, aber nicht mit Herzklopfen, dafür bin ich es zu spät geworden.

Wenn Sie ein Fussball-Allstar-Team aller Zeiten (samt Trainer!) aufstellen dürften - wer hätte bei Ihnen einen Stammplatz sicher?
Puh, schwierig, Ente Lippens? Hat allerdings noch nie Nationalmannschaft gespielt... vielleicht besser als Stadionsprecher!

Der Bundestrainer nach der WM 2006 heißt ...?
Ach irgendeinen Dummen werden sie schon finden. Ich mochte Rudi Völler ja. Ich hab eine Freundin, großer Fußballfan, speziell Mainz 05, die musste immer weinen, wenn der sich freute. Also Glückstränen.

- Jenni Zylka, Geheimagentin -

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