Andrée Hesse (Interview): Erwarte wenig, hoffe aufs Beste
WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen,“ein Volk, ein Land, ein Fussball": Nervt Sie die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?
Es ist bei jeder WM oder EM das gleiche: Weil immer mehr Blödsinn geredet wird, verblasst meine Vorfreude, je näher das Ereignis rückt. Eine WM vereinigt leider immer die Spreu mit dem Weizen.
Was machen Sie fußballerisch zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006: flüchten, standhalten - oder mitmachen?
Wenn es soweit ist, will ich dann doch möglichst viele Spiele sehen.
In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Grossbildleinwänden: Wie werden Sie sich Ihre liebsten WM-Spiele anschauen?
Bloß nicht in einer Masse vor Großbildleinwänden. Auch ungern allein. Am liebsten sitze ich mit Freunden in einer Kneipe an der Theke, Fernseher und Zapfhahn in Reichweite.
Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: "I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie "UNS" zu?
Ich traue der Mannschaft wenig zu, hoffe aber auf das Beste.
„Erfolg ist wie ein scheues Reh", weisß Franz Beckenbauer. „Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond." Was muss alles zusammenkommen, damit die deutsche Elf im eigenen Land Erfolg hat?
Sie muss einfach besser spielen als bisher. Vor allem auf der linken Seite. Für mich als Linksfüßer ist es eine besondere Schande, dass es in Deutschland anscheinend keinen Spieler gibt, der mit Links Flanken schlagen kann. Hat Sie die Inszenierung der T-Frage (Kahn oder Lehmann?) eher genervt oder amüsiert? Und: ist ihre Beantwortung - Jens Lehmann als WM-Torwart Nr. 1 - o.k.?
Die Frage hat amüsante Diskussionen erzeugt. Andererseits sollte man sie nicht «hochsterilisieren». Von mir aus hätte man beide, Kahn und Lehmann, rausschmeißen können. Die Stellung des Torwarts wird in Deutschland immer überbewertet, und Egoisten werden mit Führungsspielern verwechselt.
Szenario: Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie bitte in Stichworten "the day after".
Erst tiefe Depression, dann Vorfreude und Konzentration auf die Tour de France.
„Die Breite an der Spitze ist dichter geworden", hat Berti Vogts beobachtet. Wem von den Außenseitern (wie Angola, Trinidad & Tobago oder Iran) trauen Sie zu, das Überraschungsteam dieser WM zu werden?
Angola. Das Team hat in meiner Heimatstadt Celle Quartier bezogen, da kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Außerdem haben die Angolaner gleich im ersten Spiel die Chance, mit den ständig überbewerteten Portugiesen ihre früheren Kolonialherren wegzuputzen.
Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?
Die Revanche: Brasilien : Deutschland - 1 : 2.
Die deutschen Frauen um Birgit Prinz und Renate Lingor wurden in den vergangenen Jahren Welt- und Europameister. Was haben die deutschen Fußballfrauen, was ihren männlichen Kollegen fehlt?
Andersherum: Den Frauen fehlt, was ihre männlichen Kollegen haben: Beachtung, Geld, Heldenverehrung. Dadurch können sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: Auf das Spiel. Im Frauenfußball ist die Spitze zudem noch ziemlich spitz.
„Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett. Das Denken wird schlicht", so Christoph Biermann von der Süddeutschen Zeitung. Geht es Ihnen beim Fußball ähnlich?
Absolut. Ein Spiel anzuschauen ist so reinigend wie ein langer Lauf.
Bei Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marias Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?
Die Nibelungentreue zu einem Verein ist mir fremd. Wie kann man bei ständig neu zusammengekauften Mannschaften, wechselnden Trainern und Spielsystemen an einen Verein festhalten? In Deutschland begeistert mich in den letzten Jahren mit einer gewissen Konstanz allein Werder Bremen. Sollte Werder allerdings irgendwann Giovanni Trapattoni als neuen Trainer engagieren, wende ich mich sofort ab.
Der Bundestrainer nach der WM 2006 heißt ...?
Wahrscheinlich nicht mehr Klinsmann. Wahrscheinlich wird der DFB einen schlimmen Rückschritt machen, und ganz hinten in der Finsternis lauert schon Lothar Matthäus.

