David Gieselmann (Interview): Si tacuisses, Franz!


WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen, „ein Volk, ein Land, ein Fussball": Nervt dich die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?
Natürlich nervt das wahnsinnig. Im Falle der WM ist jedoch das Genervtsein schon wieder Konsens, so daß es fast noch mehr nervt, daß alle so genervt sind. So bin ich jetzt wieder an dem Punkt, wo ich sage: Nutellagläser im Fußballdesign sind doch der eine Wahnsinn.

Was machen Sie fußballerisch zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006: flüchten, standhalten – oder mitmachen?
Ganz klar: Mithalten. Der WM kann man sich nicht entziehen, selbst vor vier Jahren hat man ja um 8 Uhr Fußball geschaut. Diese WM war der Gipfel des Latte Machiato-Booms, weil diese Kaffeeform hier zusätzlich zum Symbol einer relaxten Lebenshaltung als Ersatz für Bier herhalten mußte. Das nur nebenbei bemerkt.

In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Grossbildleinwänden: Wie werden Sie Ihre liebsten WM-Spiele anschauen?
Bei 64 Spielen hat man genug Gelegenheit, alle Varianten einmal auszuprobieren.

Ihr schönstes WM-Erlebnis aller Zeiten? Und das schlimmste?
Das schönste: WM-Halbfinale 2002 in meiner Zweizimmerwohnung in Berlin. Das Ganze war fast zur öffentlichen Veranstaltung geworden, so um die 35 Leute saßen in meinem Wohn- und Arbeitszimmer. Weil der damalige Sprecher immer wieder die Gefährlichkeit der deutschen Mannschaft bei Standardsituationen betonte, entwickelten wir den Sprechchor: STANDARD! STANDARD! STNADARD! - was bei offenen Fenstern zusätzliche Gäste von der Straße anlockte.
Das schlimmste? WM-Halbfinale 2002 in meiner Zweizimmerwohnung. Das spätere Aufräumen.

Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: „I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie "UNS" zu?
Eine Turniermannschaft kann das Glück erzwingen. Einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft muß man grundsätzlich alles zutrauen. Frühes Ausscheiden ebenso wie den Titel. Mein Tip: Halbfinale ist Endstation. "Erfolg ist wie ein scheues Reh", weiss Franz Beckenbauer. "Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond." Was muss alles zusammenkommen, damit die deutsche Elf im eigenen Land Erfolg hat?
Daß Beckenbauer schweigt, wäre erst einmal die Grundvoraussetzung. Daß er grundlegend schweigt. Von Rehen ebenso wie von Weizenbier, zweiatomigem Sauerstoff, mit dem Mann telefonieren kann, und von Banken, deren Kerngeschäft einst das Austragen von Briefen war.

Kahn oder Lehmann: Wenn du die T-Frage hättest entscheiden müssen, wer wäre bei der WM Torwart Nr. 1? Und warum?
Ich hätte Robert Enke als Nummer 1 genommen. Kahn oder Lehmann, diese Frage hätte sich mir als Bundestrainer nicht gestellt.

Also - Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie "the day after".
Es wird wahrscheinlich nicht viel geschehen. Deutschland wird es mit Fassung tragen und relaxt weiter WM gucken. Nur der Kaiser wird wahrscheinlich wieder die Wohnsitzdebatte und die Torwartfrage aufrollen - in Bild, Premiere und online für die Telekom.

Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?
Italien gegen England. Brasilien wird Weltmeister.

Die deutschen Frauen um Birgit Prinz und Renate Lingor wurden in den vergangenen Jahren Welt- und Europameister. Was haben die deutschen Fußballfrauen, was ihren männlichen Kollegen fehlt?
Gelassenheit, Selbstvertrauen und Ballgefühl.

„Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett. Das Denken wird schlicht", so Christoph Biermann von der Süddeutschen Zeitung. Geht es Ihnen beim Fußball ähnlich?
Merkwürdig, daß ausgerechnet Biermann das gesagt hat, denn er gehört ja nun gerade zur Speerspitze derjenigen, die den Fußball wieder reintellektualisieren wollen. Und dies hat eindeutig meine Sympathie. Meinen Kopf leert eher zum 17. Mal Goldfinger auf der ARD oder Cliffhanger mit Sylvester Stallone auf VOX. Sonst freue ich mich immer schon auf den Montag, wenn in Hamburg die SZ mit den Bundesligaberichten da ist. Das füllt den Kopf eher. Biermann selber ist fast schon Lyriker. Er heißt ja auch schon Biermann, so wie Wolfgang Wolf.

Bei Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marias Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?
Der SV Darmstadt 98.

Wenn Sie ein Fußball-Allstar-Team aller Zeiten (samt Trainer!) aufstellen dürften - wer hätte bei Ihnen einen Stammplatz sicher?
Bruno Labbadia, Horst Hrubesch, Hans-Peter Briegel, Dino Zoff, Bum-Kung Cha, (der ebenso wie Labbadia seine europäische Karriere in Darmstadt begann) und Ailton.

Der Bundestrainer nach der WM 2006 heißt ...?
Lothar Matthäus. Um Himmels Willen!

Erklären Sie kurz & knackig, blumig, struktura- oder surrealistisch die Essenz der Abseitsregel.
Nicht dem ganz vorne den Ball geben. Es sei denn zurück.

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