Fanweltmeister! Dritter!
Erstens: Wir sind Gastgeberweltmeister!;
Zweitens: Wir sind Fanweltmeister!
Drittens: Wir sind Dritter!
Ich hatte mir extra eine neu erworbene, heruntergesetzte Jacke mit zu meinem Freund genommen und neben die Rauchwaren zurechtgelegt, um daran den Knopf anzunähen, der für den Preisnachlass der Jacke verantwortlich gewesen war. Ich hatte so den Eindruck, wenn ich so in mich hineinschaute, so in mein Herzstadion, sag ich mal so in der eigentümlichen Art von Sportmoderatoren, die auch nach einem Spiel nicht aus ihrem sprachlichem Elf-Meter-Raum herauskommen, dass meine Euphorie nach der Niederlage gegen Italien im Abseits herumhing. Darum bereitete ich mich auf einen unaufregenden Fußballabend vor, bei dem es mir hauptsächlich um das Annähen eines Knopfes ging.
Der Knopf war nach dem Spiel immer noch nicht dran, und wir sind Dritter. „Na, ist doch auch was!“ sagte die Kindergärtnerin in meinem Kopf. Ja, ich habe eine Kindergärtnerin im Kopf, die sagte auch: „Da wollen wir doch jetzt alle mal fröhlich sein! Und wir fassen uns alle bei den Händen!“ Also waren ich und Freund fröhlich und fassten uns mit den Hände an diese. Das ZDF hörte gar nicht mehr auf zu übertragen, damit sich die Stimmung auch ja richtig übertrug. Freund bekam gar nicht genug davon und wippte froh mit seinem Fuß – das war seine Art, herumzuhüpfen und zu brüllen.
Ich nähte den Knopf an. Draußen wurde gehupt, bis die Hupen alle waren. Gottseidank tauchten nirgendwo Netzers Lippen auf, bei denen ich immer Angst habe, dass sie mal durch den Fernseher in die gute Stube schwappen und sich wie ein Geleefilm über den ganzen Boden verteilen.
Freund sagte, dass es in Geislingen eine Klinsmannstraße geben sollte, finden die Geislinger, sagte Freund. Das Problem sei, sagte Freund, dass Straßen nicht nach lebenden Personen benannt werden, sagte Freund, und dass Klinsmann noch lebt, sagte Freund abschließend. Klinsmann hüpfte in Zeitlupe den Abpfifftanz. Ja, er war hüpflebendig.
Freund fand, dass es wichtiger sei, dass Klinsmann lebt, als dass es eine Kliensmannstraße gäbe. Ach, wenn es darum ginge, sollte es auch nie eine Loriotstraße geben oder eine Kirsten-Fuchs-Straße, oder ach, eine Freundstraße. Wir küssten uns lieber noch mal, bevor Straßen nach uns benannt werden. Und vielleicht hat die Angela auch genau aus dem Grund den Jürgen geküßt – beide noch keine Straße und froh darüber.
Inzwischen war das ZDF-Team dazu übergegangen die Kindergärtnerinnen in ihren Köpfen zu Wort kommen zu lassen. „Jetzt danken wir mal allen, denn wir wollen doch gute Gastgeber sein und gute Verlierer und gute Gewinner.“ Immer wieder Danke für die schöne WM. Freund dankte mir auch für die schöne WM. Ich dankte Freund. Wir dankten dem Sofa, auf dem es so bequem war, und dann gingen wir zum Fernseher und klatschten für ihn mit über dem Kopf erhobenen Händen. Wir gingen zum Kühlschrank und dankten für kaltes Bier. Wir machten La Ola für das Salzgebäck. Wir dankten den Nachbarn, die lustige Geräusche gemacht hatten, für das Jammern und für das erleichterte Aufbrüllen – Geräusche, die wie etwas anderes klangen, aber doch Fußballbegeisterung waren. Eigentlich wäre es eine schöne Idee, während der WM Sex zu haben, da kann man mal richtig rumbrüllen und aufstöhnen. Das fand sogar die Kindergärtnerin in meinen Kopf lustig „Aber schön bei den Händen fassen.“
„Naja, vielleicht 2010 oder bei der EM 2008“, sagte Freund und damit sagte er was, was an diesem Abend viele sagten.

