Schluss! Aus!
Hallo Kirsten! Vier wilde, lange Fußballwochen gehen zu Ende. Auch unsere Zeit als «Blutgrätsche»- Kolumnistinnen. Ich bin ja nicht gerade als Fan unserer Kanzlerin bekannt (welche Frau mit gesunden Reflexen lässt sich schon ungestraft von George W. Bush auf die Wange küssen, wie jüngst in Stralsund geschehen, ohne mit einer gestochenen Linken zu antworten?!). Trotzdem war ich irgendwie merkwürdig gerührt, als ich am 21. Juni 2006 bei spiegel-online die Überschrift las: «Merkel verteidigt Blutgrätsche». Danke, Angie!
Apropos Blutgrätsche: Ich möchte hier noch mal im Namen der Rowohlt-Online-Crew all denen DANKE! sagen, ohne deren Hilfe und Unterstützung unser Fußball-Blog nicht möglich gewesen wäre. Allen voran den Kolleginnen und Kollegen von hörbuch hamburg (denen wir die wundervollen Hörproben verdanken), der Sportfotoagentur pixathlon (danke, Jochen Raiß!) und Tanja Belancic von 06shirts, die Kirsten Fuchs und mir halfen, uns euch in coolen Blutgrätschen-T-Shirts präsentieren zu können. Und ohne Herrn Lehmann wäre gar nichts gegangen (zumindest in Köln-Nippes)! Merci! So, und jetzt ein letztes Mal zum Tagesgeschäft.
Zum Glück (oder besser: leider) hatte ich zuletzt ja jede Menge Zeit, mich abzulenken, nachdem mich ein grobes Foul schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen geworfen hatte. Arbeitsunfähig geschrieben,weil: Knie verdreht, gezerrt, gedehnt, schlimmer Bluterguss, psychosoziale Irritation etc.pp Wer glaubt, dass nur die Zidanes dieser Welt einen arg körperbetonten Fußball spielen, wenn ihnen Materatzis oder andere Ganoven vor den kahlrasierten Schädel laufen, irrt gewaltig. Auch im Frauenfußball wird mächtig geholzt. Ich sage nur: Torpedo Mülheim-Süd – Helene, alte Knochenbrecherin. Aber ich bin ja nicht nachtragend, zumindest nicht allzu doll.
4 Wochen, 64 Spiele, so viel Fußball wird es in unser aller Leben nie mehr geben. Für mich war’s definitiv zu lang. Ohne Herrn Lehmann wäre es mir verdammt langweilig geworden. Manchmal, wenn Geertje unterwegs war, habe ich mich einfach zu Herrn Lehmann in den Hof gesetzt, in die Sonne. Bisschen Wasser geschlabbert, bisschen gedöst, bisschen gefachsimpelt (oder fachgesimpelt, je nach Sonneneinstrahlung und Schattenstand), von Hund zu Humpel-Elli und zurück. Geht Klinsi, bleibt Klinsi? Kommt Arne Friedrich doch noch in Form? Wer schenkt Ballack wenigstens ein Kopfballtörchen? Spielt Klose 2007 bei Real Madrid? So Sachen halt. Einmal haben wir uns einen Spaß gemacht und unsere Traumelf aufgestellt: Nix Figo, nix Zidane, nix Pirlo, noch nicht mal Jens Lehmann. Sondern: die Spieler mit den schönsten Namen dieser WM.
In unserer Traumelf stehen Freunde des gepflegten Ballspiels wie Jan Vennegoor of Hesselink (der viele Jahre gebraucht haben soll, seinen Namen fehlerfrei aufzusagen), Sohrab Bakhtiarizadeh, Bravo, Omar (um ehrlich zu sein: der Mann heißt korrekt Omar Bravo), Aldo Bobadilla, Art Deco (o.k., nix Art, nur Deco, Mitteleldstar des FC Barcelona) usw. Der beste Name von allen ist Yapi-Yapo von den Young Boys Bern, einer der aufregendsten Spieler der Elfenbeinküste. Die Mannschaft mit den coolsten Namen aber kam zweifellos aus Angola – alle kurz & knackig: Lama. Jamba. Kali. Loco. Miloy. Andre. Edson. Akwa. Flavio. Love. Ja, Love!
Herr Lehmann ist klar im Kopf und gut fürs Herz. Und mit all seinen schwarz-rot-goldenen Accessoires eine prima Entschuldigung, sich selbst keine Deutschlandfahne ins Küchenfenster zu hängen. Glücklich war Herr Lehmann zunächst, als sein Idol Jens dem alten Olli Kahn im letzten WM-Spiel den Vortritt ließ. Und ehrlich, wer hat nicht ein Tränchen verdrückt, als der Titan vor laufender Kamera seinen Rücktritt erklärte nach gefühlten 85 Jahren Karriere als Nationaltorwart. Und selbst mein Lieblingshund musste einräumen, dass Herr Kahn gegen Portugal wirklich großartig war. Hätte Jens nicht besser machen können.
Ich muss aber noch was Anderes loswerden. Halbfinale Italien– Deutschland, ich eine von drei Frauen, eingekeilt in einer La-Ola-Woge glückseliger Männer. Mein Max, mein geliebter Max, wer hätte gedacht, wie schnell sich ein im Prinzip freundlicher, rücksichtsvoller, gut anzuschauender Mann in ein grobes, lautes, vor Patriotismus und Testosteron vibrierendes Ekelpaket verwandeln kann. «Machste mal n Teller Schnittchen, Liebes?» Du mich auch.
Und dann die Deko! Mustafa, Sven und der Rest der Pest bestanden darauf, das Zimmer, in dem wir vor der Glotze saßen, mit Devotionalien aus der glorreichen deutschen WM-Geschichte zu schmücken. Mannschaftsfoto von 2002, Fanschal von 1990, ein angeblich handsigniertes Fritz-Walter-Jubelbuch von 1954 (wer’s glaubt!) usw. Als Krönung des schlechten Geschmacks brachte mein Max noch die dralle Vera ein. So heißt die spärlich bekleidete Dame, seit ich Max damals bei Androhung der Todesstrafe verboten habe, sein Lieblingsbadetuch aus alten Tagen in meiner Anwesenheit auszurollen. Kein Urlaub mit dieser Zumutung! Entweder du fährst mit der drallen Vera in Urlaub. Oder mit mir. Aber nicht mit uns beiden. Wage es!
So, Kirsten, ich pack jetzt mal meine Sachen zusammen und mach mich mal auf den Weg zur Riehler Wiese am Kölner Zoo. Erstes Training mit der Flotten Lotte nach mehr als vier Wochen Verletzungspause. Endlich ist die Fußball-WM zu Ende. Endlich kann wieder Fußball gespielt werden. Du glaubst gar nicht, wie heiß ich darauf bin. Schöne Grüße übrigens nach Newport Beach, Kalifornien. Gut gemacht, Klinsi! Und du mach’s gut, Kirsten. Bis später mal. Deine Elli.

