Uwe Seeler: Danke, Fußball!
In seinen Lebenserinnerungen Danke, Fußball! blickt «uns Uwe» zurück. Auf die prägenden Jahre als Hamburger
Straßenfußballer: die Bolzplätze in den Hinterhöfen, die ersten Erfolge
als Jugendlicher. Auf die große Karriere im Trikot des HSV. Auf die
Fußball-Weltmeisterschaften 1958, 1962, 1966 und 1970. Auf das kurze
Intermezzo als Präsident seines lebenslänglichen Lieblingsvereins. Auf
seine Familie, humanitäre Anliegen, Träume von einem Fußball, wie er
heute nicht mehr ist …
Der "Große Fritz"
Im Laufe vieler Jahre und vieler Spiele wird der eigene Blick
für solche Situationen messerscharf. Zum Glück kreuzten
wenig «Alibi-Fußballer» und «Mimen» meinen Weg. Im
Gegenteil. Ob bei der Nationalmannschaft oder beim HSV
– wir lebten nach unserem Motto: «Einer für alle, alle für einen.»
Ich weiß noch heute, wie ich am 8. Juni 1958 bei der
Schweden-WM auf der Fahrt ins Stadion zu Fritz Walter sagte: «Du kannst ruhig mal ausruhen. Ich laufe für dich mit.»
Wir spielten gegen Argentinien, gewannen 3 : 1. Ich schoss
mein erstes Tor für Deutschland. 42 weitere sollten folgen.
Herberger hatte vor dem Spiel Kondition bolzen lassen und
gepredigt: «Lasst den Gauchos keine Luft zum Atmen, rückt
ihnen ständig auf die Pelle.Wenn sie dauernd gestört werden,
werden sie auch keine Mannschaft sein können.»
Wir Deutschen würden Fußball arbeiten, auf dem Platz
und im Kopf, so hieß es. Diese Arbeit reichte bis zum Halbfinale.
Die Bilanz: 3:1 gegen Argentinien, 2:2 gegen die
Tschechoslowakei, 2:2 gegen Nordirland, 1:0 gegen Jugoslawien.
Sie reichte nicht mehr am 24. Juni im Göteborger Hexenkessel
gegen Schweden. Es war das bis dahin schlimmste
Spiel meiner jungen Karriere. 50 000 hysterische Zuschauer,
1:0-Führung für uns nach stürmischem Schweden-Start,
dann 1:1, dann säbelt Erich Juskowiak den wieselflinken
Hamrin um und fliegt vom Platz, dann verletzt sich Fritz
Walter, dann schießen die Schweden in den letzten zehn
Minuten das 2:1 und 3:1.
Die Verletzung vom «Großen Fritz» war dann so schwer,
dass er bei der satten 3:6-Niederlage im Spiel um Platz 3
gegen Frankreich nur neben Herberger auf der Trainerbank
sitzen konnte.
Ein Nebeneinander mit Symbolcharakter? Ich glaube ja.
Herbergers stiller Traum war es, seinen Lieblingsspieler zu
seinem Nachfolger zu machen. Listig köderte er ihn. Er
sollte einen zurückhängenden Mittelstürmer spielen, zwei
bis drei schnelle Leute um ihn herum, ich war für die Spitze
vorgesehen. Doch Fritz, ein äußerst sensibler, liebevoller,
treuer Mann, winkte ab: «Einmal muss Schluss sein.»
Zur WM 1962 flog er als «guter Geist» mit, um nach turbulentem
Rückflug nie mehr ein Flugzeug zu besteigen. Seine Dienstfahrten als adidas-Werbemann fanden auf der Schiene
statt. Zug bis Mannheim-Hauptbahnhof, umsteigen
nach Gleis 6, Zug nach Kaiserlautern, heim nach Enkenbach
an den Tisch seiner geliebten Italia. Und samstags,
wenn sein 1.FC Kaiserslautern spielte, ging er nach eigenen
Worten durch die «Hölle am Radio». Das direkte Erlebnis im
Stadion überstieg die Kraft seiner Nerven.
Wir telefonierten oft miteinander. Aber irgendwie spürte
ich manchmal, dass er den Telefonhörer nicht auflegen
wollte, so, als wollte er mir signalisieren: «Uwe, lass mich
nicht allein.»
Fritz bekam im zunehmenden Alter gesundheitliche
Probleme. Obwohl er für einen Ex-Fußballspieler
verdammt gesund lebte.Anders als zum Beispiel «Boss» Rahn
konnte ihn niemand in einer rauchigen Kneipe an einem
Stammtisch mit Pils und Korn zum Erzählen ködern. Die
Salatblätter beim Essen sezierte Fritz wie ein Chirurg. Sein
Steak musste gut durchgebraten und durfte nicht zu fett sein.
Dessert war für ihn ein Fremdwort. Ein Gläschen «Prickelwasser
», Sekt oder Champagner, galt ihm als Medizin. Und
einmal im Jahr reiste er mit seiner Italia zur Frischzellenkur
ins bayerische Lenggries. «Die Sache ist zwar umstritten»,
sagte er, «aber wir glauben dran.Wir schwören drauf.»
Innerhalb von 18 Jahren musste er zwei Hüftoperationen
überstehen. Im April 1996 erlitt er einen Schwächeanfall
und wurde mit Kreislaufproblemen ins Klinikum
seiner heiß geliebten Stadt Kaiserslautern eingeliefert. Jede
Schwester avancierte zu seinem Liebling, jeder Arzt zum
Freund.Typisch für ihn!
Der Aufenthalt in der Klinik war von kurzer Dauer. Aber
Ende 1999 sah er die Schwestern und Ärzte wieder: Kreislaufprobleme,
Darmerkrankung.
Die Ernennung zum Ehrenbürger des Landes Rheinland-Pfalz im Oktober 2000,
eine Auszeichnung, die es vorher noch gar nicht gegeben hatte, war nur ein schwacher Trost. Sie war die letzte auf der
unglaublichen Ehrentafel dieser Fußball-Legende: Silbernes
Lorbeerblatt 1953, als erster Fußballer überhaupt; Ehrenspielführer
der Nationalelf 1954; Goldene Ehrennadel des
DFB 1955; Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der
Bundesrepublik, 1970; Ehrenbürger von Kaiserslautern;
Bundesverdienstkreuz mit Stern 1995; Verdienstorden der
FIFA 1995; Deutschlands Fußballer des Jahrhunderts;
Europas Fußballer und Welt-Fußballer des Jahrhunderts.
Und, und, und …
Auf die Goldene Ehrennadel mit Brillanten seines Vereins
1. FC Kaiserslautern, wo er mit siebzehn Jahren in der
ersten Mannschaft sein Debüt gab und schon drei Jahre später
am 14. Juli 1940 beim 9 : 3 gegen Rumänien drei Tore erzielte,
auf diese Nadel zeigte er mit besonderem Stolz, wenn
wir uns trafen.
Diese Treffen, bei Fußballgroßereignissen oder auf der
Sportartikelmesse in München, waren von einer Herzlichkeit
geprägt, die man heute nur noch in einer intakten Familie
erlebt. Um es kurz zu sagen: Er war wie ein Bruder.
Und so durfte ich mit ihm auch herumflachsen: «Na, du Verteidiger?
»
Man muss wissen: Mein Flachs war begründet.
Nach der Fusion FV/Phönix Kaiserslautern, die 1932 stattfand
und woraus der 1. FCK entstand, spielte er zunächst
rechter Verteidiger. Langsam aber sicher arbeitete er sich in
Richtung gegnerisches Tor vor. Bis er seinen vier Jahre jüngeren
Bruder Ottmar erreicht hatte.Als Mittelstürmer, dann
als Halbstürmer.
Bis zum 22. November 1942 bestritt Fritz während des
Krieges 24 Länderspiele, insgesamt 61. Er erzielte 33 Tore.
Doch auch sein Ziehvater Sepp Herberger konnte einen
Fronteinsatz nicht verhindern. Fritz wurde Infanterist in
Frankreich, dann auf Sardinien,wo er an Malaria erkrankte.Es folgten Einsätze auf Korsika und Elba. Während dieser
Zeit war er auch Mitglied der bekannten Soldatenelf «Rote
Jäger» des Jagdflieger-Majors Hermann Graf.
Dann hatte er Glück im Unglück. Fritz geriet in russische
Gefangenschaft. Auf dem Weg nach Sibirien, in einem Lager
namens Marmaros-Szigett in Rumänien, erkannte ihn ein
russischer Major. Ein Fußball-Kenner. Heimlich, still und
leise schleuste er unseren Fritz aus dem Treck.
So kam er bereits Ende 1945 vorzeitig in die Heimat zurück, spielte für
den 1. FC Kaiserslautern und betreute «so ganz nebenbei,
aus Liebe zum Sport», den kleinen Ortsrivalen VfR Kaiserslautern.
Zweimal holten die «Roten Teufel» mit Fritz den
Meistertitel in die Pfalz, dreimal scheiterten sie erst im Endspiel.
Von 1962 bis 1968 trainierte Fritz den SV Alsenborn
– ebenfalls aus Spaß am Sport.
Mir hat dieser Mann, der Älteste von fünf Geschwistern,
mächtig imponiert. Am 31. Oktober 1920 wurde er in Kaiserslautern
geboren. Seine Brüder Ottmar und Ludwig waren
ebenfalls gute Fußballer. Ich freue mich, dass ich ihm an
dieser Stelle etwas zurückgeben kann.Wenn es auch nur einige
gedruckte Worte sind.
Also erstens:Vom Talent her war er zum großen Fußballer
geboren. Er war ausgestattet mit einem ungeheuren
Instinkt für jede Situation. Seine Spielintelligenz stempelte
ihn automatisch zum Spielmacher. Ich würde sagen: Er hatte
die Perfektion eines Pelé, die Eleganz eines Franz Beckenbauer,
die Geschmeidigkeit eines Zinedine Zidane. Fritz war
schon damals ein Prototyp des heutigen Fußballs, half in der
Abwehr aus und war vor dem gegnerischen Tor gefährlich.
Für ihn war Fußball Kunst – Kunst als Perfektion zur Freude
der Zuschauer. Und er selbst erzählte mir oft, wie er bis kurz
vor dem Anpfiff auf der Toilette saß. Magen und Nerven
rebellierten.Zweitens: Die sportliche Höchstleistung war stets gepaart
mit einer bewundernswerten Charakterhaltung. Er
verkörperte fast alles, was eine Nation als Vorbild braucht.
Ein Star ohne Allüren. Ehemals Leistung, dann Bescheidenheit,
immer Noblesse und Charme. Kameradschaft, Anstand,
Treue, Hilfsbereitschaft – nein, für ihn waren das
keine Lippenbekenntnisse.
Oft besuchten wir gemeinsam Haftanstalten im Auftrag
der Sepp-Herberger-Stiftung. Und oft erlebten wir, dass die
Gestrauchelten unserer Gesellschaft wenigstens für Stunden
ihr Schicksal vergessen konnten.Waren wir zwei dann
wieder draußen, freute er sich wie nach einem Siegtreffer
auf dem Rasen: «Hast’ geseh’n, Uwe, wie die harten Jungs
weich wurden?» Nie wurde er müde, den «harten Jungs» ein
frohes Osterfest oder eine besinnliche Weihnacht per Kartengruß
zu wünschen.
1948 heiratete er Italia. Eine schwarzhaarige Schönheit,in Italien geboren, in Frankreich aufgewachsen.
Sepp Herberger erkannte spät, aber nicht zu spät, wie einflussreich
diese Frau an der Seite des sensiblen «Ball-Zauberers» war.
Draufgänger, starke Naturburschen, Kämpfer – die brachte
Herberger schnell auf seinen Kurs. Da steckte er den harten
mit dem weichen Typen einfach in ein Doppelzimmer.Wie
1954 Helmut Rahn und Fritz Walter. Herberger störte, dass
Italia als Managerin ihres geliebten Fritz fungierte.
«Schätzchen», wie er sie nannte, wollte den Ruhm ihres
Mannes in Geld umwandeln. Irgendwie verständlich.
Schließlich entschied er sich, ähnlich wie ich 1961, eine
Offerte von Atletico Madrid mit den Worten abzulehnen:
«Daheem is daheem.» 250 000 DM Handgeld für einen
Zweijahresvertrag, plus 10 000 DM Monatsgehalt, plus Prämien,
plus Auto – ein Vermögen zur damaligen Zeit.
Das war 1952. Fritz blieb sich, seinem Verein und Deutschland treu. Italia
kümmerte sich aber intensiv ums «Haushaltsgeld». Man
betrieb ein Kino, wurde Repräsentant von Saba, adidas, einer
Lotto-Gesellschaft, und nicht nur die Fußballer tranken
«Fritz Walter Sekt».
«Schätzchen» war dem knurrig gewordenen Herberger zu
egoistisch. «Schätzchen» hatte ihm unmissverständlich erklärt:
Wäre sie nicht da, stünde ihr Fritz längst nicht mehr
auf dem Fußballplatz. Eva Herberger wurde sogar grob und
sprach von der «Schwarz-Hex» vom Betzenberg. Es dauerte
fast ein ganzes Jahr, bis sich das Verhältnis wieder normalisierte.
Und Fritz empfahl mir mal beim Sekt: «Lass dir von
niemandem in deine Ehe reinreden. Die Liebe, die echte
Liebe hält alles aus.»
53 Jahre hielt die Liebe alles aus, 53 Jahre waren Fritz
und Italia Walter verheiratet, bevor Italia im Dezember
2001, eine Woche nach ihrem 80. Geburtstag, starb. Schon Anfang des Jahres hatte mir Fritz sein Leid geklagt:
«Uwe, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe
ein komisches Gefühl. Die Italia will nirgendwo mehr hin.
Ich krieg sie nicht aus dem Haus raus. Es ist so, als würde
sie auf den Tod warten.» Mir fiel eine Antwort schwer. Da
stehst du einem Freund gegenüber und musst einfach banales
Zeug als Trost reden: Kopf hoch, wird schon werden,
das kriegst du hin. Man sucht krampfhaft nach Beispielen
aus dem täglichen Leben. Doch so scheint das Leben zu sein.
Den Tod von Italia hat Fritz Walter nie verkraftet. Am
17. Juni 2002, es war ein Montag, erreichte mich gegen
18.15 Uhr ein Anruf aus Enkenbach-Alsenborn. Die Nachricht:
Um 15.15 Uhr sei Fritz in seinem Haus friedlich eingeschlafen.
Den zweiten Schlaganfall habe er nicht überstanden.
Ilka und ich haben geweint. Ich will und kann es nicht
glauben, dass der «Große Fritz» nicht mehr da ist.
Unsere Tage mögen ja sein wie sie wollen, sonnig und
heiter oder dunkel und wolkenverhangen; wir mögen müde
sein oder hellwach, munter oder traurig, die Erde voller
Hiobsbotschaften – das Schicksal richtet sich nicht danach.
Es schlägt gnadenlos zu, wenn es ihm passt.
Wie bei Dieter, meinem fünf Jahre älteren Bruder, den
alle «Didi» riefen.
Er wurde nur 47 Jahre alt.
1973, zehn Jahre nach Gründung der Fußball-Bundesliga,
in der er achtundzwanzigmal mitspielte und zwei Tore
schoss, erlitt er einen Herzinfarkt. Es folgten zwei Schlaganfälle.
Plötzlich versagten beide Nieren. Und am 21. September
1979 starb er, und wir trugen ihn zu Grabe.
Unfassbar, dass dieser kantige, vor Kraft und Lebensmut
strotzende Mann so früh gehen musste.
Meine drei «Superstars» und ein historisches Foto: Wembley 1966
Meine drei Enkelsöhne sind – allen Unkenrufen zum Trotz
– Fußballer. Natürlich kicken sie so, wie Jungs im Alter von
sechs bzw. neun Jahren spielen. Da, wo sich gerade der Ball
befindet, tummeln sich die meisten herum. Bis auf den Torwart.
Eine gewisse Neigung für eine ganz bestimmte Position
zeichnet sich allerdings ab. Timur und Peer wollen
Stürmer sein. Und sie haben auch den Drang zum Tor. Levin
ist körperlich seinen Cousins leicht unterlegen.
Diese Unterlegenheit gleicht er allerdings durch unbändigen Einsatz
aus. Er rackert mit und ohne Ball wie sein Opa in den
besten Tagen. Wir haben ihn «Blutgrätsche» getauft. Das
klingt zwar etwas brutal, doch ist es nicht ganz so ernst gemeint.
Alle drei spielen bei uns vor der Haustür in dem relativ
kleinen Verein TuRa Harksheide. Hier wird die Jugendarbeit
viel intensiver gepflegt als beim HSV. Ob sie später mal in
meinen Verein eintreten – darüber mache ich mir keine Gedanken.
Das müssen sie gemeinsam mit ihren Eltern entscheiden,
wenn die Zeit dafür reif ist.
Ilka und ich halten uns generell aus der Erziehung der
sieben Enkel heraus.Wir spielen mit den vier Mädchen und
drei Jungs auch nicht das beliebte Spielchen: «Mami, wenn
du nicht ja sagst, dann geh’ ich zur Omi.» Kinder nutzen ja
gerne die Liebe und überschwängliche Zuneigung von
Großeltern aus.
Laufen meine drei Buben in Harksheide auf, dann marschiert
der «Seeler-Clan» ein. Ich habe schon bis zu zwanzig
Menschen registriert. Alle verwandt und verschwägert mit
uns. Und ich bin sehr erstaunt, mit welchem Temperament
Oma Ilka das Spielgeschehen verfolgt, wie laut Omas werden
können, wie schwer es Schiedsrichter plötzlich haben,
wenn den TuRa-Spielern Unrecht widerfährt.
Dabei hat Ilka doch in meiner aktiven Zeit zur Genüge miterlebt, wie aufregend,
schön, spannend, schicksalhaft Fußball sein kann.
Was sagt der Fachmann des Lebens? «Je öller, je döller.»
Meine lütten «Superstars» wissen relativ wenig von meiner
sportlichen Vergangenheit. Verirren wir uns ab und zu
gemeinsam ins Untergeschoss unseres Hauses, werden sie
neugierig. Hier, im ausgebauten Keller, bleiben sie staunend
und fragend vor Bildern, Urkunden, Pokalen,Trikots
und Medaillen stehen. Die vielen Kisten mit Alben und Zeitungsartikeln,
gleich im Raum nebenan, haben sie noch
nicht entdeckt.
Ich gebe es ja gerne zu: Heute, im Pensionärsalter, fasziniert
mich dieser Ort. Auch wenn Ilka, typisch Hausfrau,
ständig droht: «Dicker, der ganze Kram kommt weg. Alles
fliegt raus. Ich brauche Platz.» Da zucke ich richtig zusammen
und erwidere brav: «Klar, Mäuschen, klar. Wird gemacht.»
Wenn ich den richtigen Platz gefunden habe, möchte
ich ein kleines Museum eröffnen. Nicht, um meine
Eitelkeit zu befriedigen und der Nachwelt anhand von
Dokumenten zu beweisen, was für ein toller Hecht ich war – nein, darum geht’s mir nicht. Ich möchte den wahren
Fußballfreund zu einer Reise in die Vergangenheit einladen.
Ihn teilhaben lassen. Ohne Vergangenheit gibt es meines
Erachtens keine Gegenwart, ohne Gegenwart keine Zukunft.
Ein Schwarzweißbild im Keller, es hängt gleich links
neben der Treppe, hätte ich längst der Aschentonne übergeben
müssen. Eine innere Stimme aber sagt nein. Dieses
Bild ist ein Dokument, wie brutal Sport sein kann und wie
gnadenlos der Sportler dieser Brutalität ausgeliefert ist. 30.
Juli 1966: Ich verlasse mit hängendem Kopf den Rasen des
Londoner Wembley-Stadions. Flankiert von einem freundlichen
älteren Herrn in dunkler Uniform zu meiner Linken
und einem jüngeren Mann zu meiner Rechten, auf dessen
Jackett das Emblem des englischen Fußballverbandes zu erkennen
ist. Der Funktionär hat den Kopf nach hinten gedreht
und redet wohl mit Willi Schulz, der hinter mir geht.
Hinter dem Funktionär steht eine Militärkapelle in Habacht-
Stellung. Die Gesichter der Männer unter den hellen
Tropenhelmen wirken irgendwie leblos. Schaut man genauer
hin, sieht man nur zusammengepresste Lippen.
Am rechten Bildrand marschiert Helmut Schön vom Platz. Auch bei
ihm sind die Lippen ein Strich. Mit der linken Hand hat er
gerade den rechten Ärmel seines Trainingsanzuges hochgekrempelt.
In dem Augenblick, den das Foto festhält, schieben mich
meine Begleiter über den Rasen in Richtung einer Treppe,
die in die Königsloge führt. Hier wartet Queen Elizabeth II.
und die Fußball-Prominenz aus aller Welt. Ich kannte die
Monarchin. Sie war mir auf einem Empfang in Hamburg
einmal kurz vorgestellt worden. Da stellte ich fest: Die First
Lady versteht etwas vom Fußball. Sie wusste über mich, den
HSV und Herberger Bescheid. Aber mich beschäftigte in diesem Augenblick nicht die
Frage, was die Queen sagen könnte.
Ich konnte überhaupt nichts denken. Mein Kopf schien endlos leer. Ich spürte jeden
Muskel, alles tat plötzlich weh. Jeder Schritt, die Treppe
hinauf, schien endlos lang und schwer.
Wir, die deutsche Fußballnationalmannschaft, hatten
das Endspiel der achten Fußball-Weltmeisterschaft gegen
England mit 2 : 4 verloren. Unsere Elf: Tilkowski, Höttges,
Schnellinger, Beckenbauer, Schulz,Weber, Haller, Overath,
Seeler, Held, Emmerich.
Noch ein Wort: Zu diesem Foto werde ich bis heute befragt.
Nach 37 Jahren. Die Dauerfrage lautet:War’s in der
Halbzeitpause oder war’s nach Spielende? Die «Bild am Sonntag» behauptete zu wissen: Es war zur Pause, und titelte
«Das falsche Jahrhundert-Foto».
Begründung: Nur zur Pause habe eine Band gespielt. Schließlich habe ich es auch selbst
geglaubt, dass das Foto in der Halbzeit entstand. Heute, an
dieser Stelle, behaupte ich das Gegenteil und sage: Es war
nach dem Abpfiff! Warum hätte ich sonst wie ein begossener
Pudel vom Platz schleichen sollen? Es hatte ja nach 45
Minuten 1 : 1 gestanden, da hatten wir noch alle Chancen.
Ich bin mir sicher: Über dieses Finale vor 100 000 Live-
Zuschauern und 350 Millionen Fernseh-Zuschauern – zum
ersten Mal in der Geschichte wurde ein Endspiel live und
in Farbe weltweit übertragen – werden noch Generationen
reden.
Ein Hitchcock im Lande von Hitchcock.
Nach Toren von Helmut Haller auf der einen sowie
Hurst und Peters auf der anderen Seite grätschte Wolfgang
«Bulle» Weber vom 1. FC Köln 90 Sekunden vor Ablauf der
regulären Spielzeit den Ball ins englische Tor. Aus einem
1 : 2 wurde ein 2 : 2. Folge: Verlängerung. Wiederanpfiff.
101. Spielminute:Aus dem Lauf nimmt Geoffrey Hurst eine
Flanke an und donnert den Ball gegen die Querlatte. Von
dort spritzt er zu Boden, springt hoch und wird von Weber
per Kopf über den Torbalken ins Aus geköpft.
Und nun beginnt das Drama, die Brutalität. Jetzt bist du
der Entscheidung eines anderen Menschen ausgeliefert.
Schiedsrichter Dienst pfeift Eckstoß. Ich bin Zeuge, denn
ich stehe im Strafraum nur wenige Meter neben ihm. Doch
innerhalb von Sekunden will er von dem Eckstoß nichts
mehr wissen, läuft an die Seitenlinie. Dort steht ein Mann
namens Bachramow, schnauzbärtig, hoch gewachsen. Ein
Physiklehrer aus Baku. Die beiden reden miteinander. Dann
sehe ich ein kurzes Kopfnicken von Dienst und die Handbewegung
Richtung Spielfeldmitte.
Er entschied auf Tor! Es stand 3 : 2 für England. Das 4 : 2, das dann noch fiel, war uns schietegal, wie wir
Hamburger zu sagen pflegen.
In der Kabine wurde geflucht. Einige schrien ihre Wut
raus. Andere hockten konsterniert da. Bis Helmut Schön
den legendären Satz sprach: «Männer, denkt dran: Ein guter
Zweiter ist besser als ein schlechter Erster.»
Beim anschließenden Bankett straften wir Herrn Dienst
und Herrn Bachramow mit Missachtung. Ich behaupte
heute immer noch: Der Dienst war feige. Der Ball konnte,
aus rein physikalischen Gesetzen, nicht hinter der Torlinie
gewesen sein. Denn dann hätte ihn Wolfgang Weber nicht
zur Ecke köpfen können. Er wäre oben unter dem Querbalken
im Tor gelandet. Deshalb ist es mir unverständlich,
wie Wissenschaftler der Universität Oxford herausgefunden
haben wollen, dass das Tor regulär war.
Diese Herren hätte ich gerne nach dem Bankett beim
«Zug durch die Gemeinde» in London dabei gehabt. Da
klopften uns wildfremde Engländer auf die Schultern und
entschuldigten sich. Es war ein schwacher, aber schöner
Trost. Die Bemerkung unseres damaligen Bundespräsidenten
Heinrich Lübke «Der Ball war drin» kam uns dagegen
wie ein verspäteter Aprilscherz vor.
Das Verhältnis zu den englischen Spielern war zu keiner
Zeit vergiftet. Im Gegenteil. Bobby Charlton wurde ein guter
Freund. Der englische Trainer Alf Ramsey, später zum
Sir geadelt, und Helmut Schön verstanden sich prima. Der
lange Geoffrey Hurst und sein «Sonderbewacher» Franz Beckenbauer
spielen bei Gelegenheit Golf zusammen.
Die Leistungsstärke der Nationalelf war eine Folge der
Einführung der Bundesliga zur Saison 1963/64. Die Bündelung
der besten Kräfte in einer eingleisigen Liga und die
Einführung des Profitums führten zu einer Steigerung an
spielerischer Qualität und mentaler Stärke. Die drei Profis aus Italien, Haller, Brülls und Schnellinger, entpuppten sich
als wunderbare Ergänzung zu uns Bundesliga-Jungs.
Wir reisten gut gerüstet ins so genannte Mutterland des
Fußballs, wo ja schon im Jahr 1888 die Profiliga eingeführt
wurde.
Im Mittelalter bereits wurden auf der Insel volkstümliche
Ballspiele durchgeführt. Handwerker, Angestellte,
Bauern, aber auch Studenten rotteten sich zusammen. Man
trieb einen Ball mit einem Durchmesser von 48 Zentimetern
durch die Städte und Dörfer. Ohne feste Regeln. Die
Kämpfe dauerten Stunden und Tage. Man kickte, raufte
und trat. Sieger war dann jene Mannschaft, die den Ball auf
der Stadtmauer oder im Kirchenportal niederlegen konnte.
Bis zum Beginn der WM im Juli 1966 hatten wir die
Qualifikationsspiele gegen Zypern mit 5:0 und 6:0 gewonnen.
Es folgten sechs Härtetests mit fünf Siegen und einer
0:1-Niederlage in London. 4:2 gegen Holland, 4:0
gegen Irland, 2:0 gegen Nordirland, 1:0 gegen Rumänien
und 2:0 gegen Jugoslawien.Torverhältnis: 13:3.
Und der Auftakt zur WM in Sheffield fügte sich nahtlos
an: Am 12. Juli im ersten Spiel 5:0 gegen die Schweiz. Im
Mittelpunkt: Franz Beckenbauer. 21 Jahre alt. Franz war
noch jung, aber schon Vater eines Sohnes und auf dem Rasen
so abgeklärt, dass der nicht sehr deutschfreundliche
«Daily Mirror» schrieb: «Zeigt mir einen besseren Mittelfeldspieler
als diesen Beckenbauer. Deutschland hat den
idealen Fußballer.»
Vorrundenspiel Nummer 2: Ein 0:0 gegen Argentinien.
Willi Schulz kriegt noch immer eine Gänsehaut und gesteht:
«Dat war ´ne Schlacht.
Und der Franz hat zum ersten Mal
in seinem Leben so richtig auf die Socken gekriegt. Wir
mussten durch ein Stahlbad nach dem Motto: Nur die Harten
komm’ in’n Garten.»
Die Tage bis zum nächsten Spiel gegen Spanien: Die Ko-Trainer Udo Lattek und Dettmar Cramer sind als Doktoren
der Seelen gefragt. Helmut Schön klagt über immer stärker
werdende Magenprobleme. Direkt nach der WM wurde er
ja operiert.
Auch Sepp Herberger taucht immer wieder, kutschiert
von einem Bekannten in einem US-Cadillac, im Trainingslager
auf. Keine Beruhigungspille für Helmut Schöns
Nerven.
20. Juli in Birmingham gegen Spanien. Kein Tor gab’s,
wie schon erwähnt, gegen Argentinien. BILD forderte nun:
«Lasst die Emma wieder ran!» Gemeint war der Dortmunder
Lothar Emmerich. Ein bulliger Draufgänger. Helmut
Haller fliegt raus. Es ist leichtes Feuer unterm Dach. Der
2:1-Sieg gegen Spanien, mit einem spektakulären Emmerich-
Siegtreffer von der linken Strafraumgrenze in den rechten
Winkel, löscht das Feuer.
23. Juli in Sheffield, Viertelfinale: 4 : 0-Sieg gegen Uruguay.
Mittelläufer Troche, später in Diensten von Alemannia
Aachen, versucht mich auf bisher unbekannte Weise auszuschalten.
Zuerst setzt es eine Ohrfeige, dann spuckt er mir
ins Gesicht und denkt sich wohl: der schlägt und spuckt zurück.
Und fliegt dann vom Platz. Falsch gedacht. Ich verabschiede
ihn bei seinem Platzverweis mit einem netten Grinsen.
Im Halbfinale, schon zwei Tage später in Liverpool, erzielen
Beckenbauer und Haller die Tore zum 2 : 1-Sieg gegen
die Sowjetunion.
Wir haben die Eintrittskarte ins «Heiligtum des Fußballs
» Wembley-Stadion geschafft. Mit einer frohen Kunde
aus Funktionärskreisen im Rucksack, denn die FIFA hatte
Deutschland zum Ausrichter der WM 1974 bestimmt.
Das anschließende Drama habe ich ausführlich geschildert.
Wird Willi Schulz darauf angesprochen, so sagt er in
seiner bekannt trockenen Art: «Diese Tränen trocknen nie.» Dabei ist der Kerl alles andere als ein Lyriker oder Weichei.
Meine Tränen trocknen allerdings auch nicht.
Es gibt wohl kein WM-Finale mit einem so verrückten,
umstrittenen Ende. In der über hundertjährigen Historie
des Fußball gibt es nichts Vergleichbares. Und die Geschichte
ist wahrlich nicht arm an Turbulenzen. Die Beweisfindung
«drin oder nicht drin» wird – Wissenschaftler hin,
Wissenschaftler her – nie zum Ziel führen.
Wir waren also traurige Verlierer. Um so wohltuender
dann die Rückkehr aus London nach Frankfurt. Vor dem
Frankfurter Römer wimmelte es von Menschen, die uns mit
Sprechchören feierten.
Nach so einer Demütigung braucht man jede Menge
Charakterstärke, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen.
Sportlich und privat.Was hatte mein Lehrmeister Klüver mir in der Speditionsfirma eingetrichtert, wenn ich durchnässt
und frierend vom Hafen ins Büro zurückkam? «Das
Leben ist nicht nur Sonnenschein. Du musst auch lernen,
unangenehme Situationen zu meistern. Wenn’s nicht so
nach Plan läuft, dann muss deine Devise sein: aufsteh’n und
weitermachen.»
Nicht alle Menschen, selbst die aus der nächsten Umgebung,
verstehen, was sich tief im Innern verändert hat.
Für
mich waren in der «Nach-Wembley-Zeit» zwei Dinge ganz
wichtig. Einmal meine kleine Groß-Familie. Ihre Unterstützung
war ein sicheres Fundament zum «Aufsteh’n und
Weitermachen». Zum anderen mein Freundeskreis. Dazu
gehörten Ärzte, Kaufleute, Juristen, Handwerker. Alles
wunderbare Menschen, die vom Leben viel verstanden. Nur
von einer, meiner Sache, verstanden sie wenig: vom Fußball.
Und das war auch gut so.
Mein persönliches Fazit aus der Fehlleistung des Herrn
Dienst lautete: Jeder Tag und jede Stunde, jede Minute und
Sekunde sind einmalig. Sie sind unwiederholbar. Also hämmerte
ich mir ein: «Uwe, lebe bewusst. Denke positiv.» So
gesehen, war dieses Endspiel neben der sportlichen Niederlage
ein persönlicher Sieg für meine zukünftige Lebenseinstellung.
Die WM in Mexiko 1970
Erstaunlich oft hatte das Telefon geklingelt. Mal war es Helmut
Schön, mal Sepp Herberger. Sie erkundigten sich nach
meinem Wohlbefinden, dem Hund, nach Ilka und den Kindern.
Ebenso erstaunt war ich, dass ich zu jedem Länderspiel
als Ehrengast geladen war. Stutzig wurde ich allerdings
nicht, wenn mich Willi Schulz, Franz Beckenbauer,
Netzer oder Overath anlächelten, so als wollten sie sagen:
«Na, Dicker, ist doch langweilig ohne Länderspiele, oder?»
Helmut Schön und Herberger, in der Vergangenheit
nicht immer einer Meinung, zogen diesmal an einem
Strang.
In geschickter Kleinarbeit wurde versucht, mich für
die WM in Mexiko zurückzuholen. Obwohl mit Gerd Müller
der «Bomber der Nation» einen perfekten Mittelstürmer
abgab. Helmut Schön hatte einen Schachzug geplant, den
eigentlich niemand so recht kapierte: Gerd und ich gemeinsam.
Er als echte Spitze, ich dahinter im offensiven Mittelfeld.
«Also gut», erklärte ich, «für die WM und die Vorbereitung
bin ich wieder dabei. Aber danach ist definitiv Feierabend.»
Wir stürmten gemeinsam im letzten Qualifikationsspiel
gegen Schottland, gewannen 3:2. Es folgten vier Testspiele.
Gegen Spanien, 0:2, Rumänien, 1:1, Irland, 2:1, und Jugoslawien,
1:0.
Immer hieß das Duo: der junge Müller und
der alte Seeler. «Kleines dickes Müller», 24 Jahre alt, «uns
Uwe», 33. Mich bezeichnete die Presse als rennenden
Ackergaul, Müller als Mann der kleinen Tore, Franz Beckenbauer
als General in kurzen Hosen.Wir fühlten uns unendlich
stark.
Günter Netzer tat mir Leid. Er musste auf Grund einer
Verletzung in letzter Minute absagen. Es war die große Chance für Helmut Haller. Günter, schon damals ein cleverer
Bursche, arbeitete als BILD-Kolumnist und Repräsentant
meiner Konkurrenzfirma PUMA. Wir spielten in adidas.
Eines Tages tauchte er im Trainingslager mit einem
Koffer auf. Inhalt: Bargeld. Zehn dicke Riesen in kleinen
Scheinen. «Handgeld» fürs Schuhewechseln. Natürlich war
sein Unterfangen zwecklos.
Erstes Spiel: erster Sieg mit 2:1 gegen Marokko. Doppelte
Freude und Bestätigung für Schöns Schachzug: ein
Tor Gerd, ein Tor ich. Zweites Spiel, vier Tage später am 7.
Juni: zweiter Sieg, mit 5:2 gegen Bulgarien. Erneute Schön-Bestätigung: drei Tore Gerd, ein Tor ich. Drittes Spiel: dritter
Sieg, 3:1 gegen Peru. Dreimal Gerd.
Dann Viertelfinale – das vierte Spiel, und der vierte Sieg.
Aber was für einer! Der Gegner am 14. Juni im Stadion von
Leon heißt England.
England – Erinnerungen werden wach.
Erinnerungen an London,Wembley-Stadion, Schiedsrichter
Dienst, das umstrittene Tor («Drin oder nicht drin?!»)
zum 3:2.
Wir wohnten 30 Autominuten vom Spielort entfernt.
Die Quartiermacher des DFB galten schon früher als clevere
Burschen. Doch diesmal hatten sie sich selbst übertroffen.
Unsere Hazienda Comanchia war eine Oase der Ruhe
in einem wunderschönen Park. Mit Swimming-Pool,
Tennisplatz und kleiner Übungswiese. Die Zimmer strahlten
Ruhe aus. Gerd Müller und ich lagen zwei Meter voneinander
entfernt mit Blick ins Grüne.
Helmut Schön war wunderbar gut gelaunt. Ganz im
Gegensatz zur WM 1966, wo ihn ständig Magenschmerzen
plagten. Den ständig lauernden Journalisten machte er ein
Angebot: «Ich lasse keinen Absperrzaun errichten», sagte er,
«wir denken uns eine weiße Linie in Höhe des Pools. Diese
Linie darf von euch nicht überschritten werden. Wir reden immer an der Linie. Meine Hand drauf.» Das Handschlag-
Angebot wurde eingehalten.
Für seine positive Stimmung sorgte auch die in den ersten
drei Spielen gefundene Formation der Mannschaft. Kleine
Änderungen gehören zum Tagesgeschäft.
Aber der Kern der
Truppe stand. So gab es keine nörgelnden Reservisten.Dafür
sorgte schon Max Lorenz aus Bremen. Er ließ sich sogar von
den Ersatzspielern zum «Kapitän» der Reserve wählen.
Wegen der Zeitdifferenz von acht Stunden war das Spiel
gegen unseren «Erzfeind» England um 12.00 Uhr mittags
angesetzt. 20.00 Uhr in Deutschland.
12.00 Uhr mittags, am Himmel hatte einer einen Logenplatz:
die liebe, gute Sonne. Sie knallte erbarmungslos auf
den Kunstrasen, dessen Borsten kurz geschnitten waren.
Die vorher eingesetzten Wasserwerfer machten den Rasen
schnell. Ein Tackling bedeutete höchste Gefahr. Die messerscharfen
Borsten ritzten das Fleisch auf.
Schon beim Auflaufen hatte ich eine schwere Zunge. Die
Luft war zum Zerschneiden dünn, die Temperatur lag bei 55
Grad. Schatten gab es keinen.
Die Mannschaft, die vier Tage vorher gegen Peru an
gleicher Stätte mit 3 : 1 siegte, lief auch jetzt auf: Maier,
Vogts, Höttges, Beckenbauer, Schnellinger, Fichtel, Libuda,
Seeler, Müller, Overath und Löhr.
Es gab nur zwei Auswechslungen: Jürgen Grabowski kam
in der 55. Minute für «Stan» Libuda und Willi Schulz in der
46. für Horst-Dieter Höttges.
Im Kabinengang, kurz vor dem Anpfiff, flachste ich mit
Bobby Charlton. Halb auf Englisch, halb auf Deutsch.
Denn Bobby, dieser geniale Spielmacher aus Manchester,
verstand die deutsche Sprache. Zumindest ein paar Brocken.
«No chance, today is our Wembley», unkte ich. Ihr habt
keine Chance, heute ist unser Wembley, wir werden gewinnen. Geoff Hurst, der berühmte «Torschütze» aus dem 66er
Finale, lachte und rief: «No, no, Uwe.»
Er schien Recht zu behalten.
Nach 31 Minuten führte seine Mannschaft durch ein Tor von Alan Mullery 1 : 0.Vier
Minuten nach der Pause erhöhte Martin Peters auf 2 : 0.
Mein Kopf war puterrot. Die Beine wurden immer schwerer.
Doch ich rannte und schrie, schrie und rannte. Der Tenor
meiner Rufe: «Kommt, weiter.Wir packen die noch!»
Dann die 68. Minute: Franz Beckenbauer gelingt mit einem
Weitschuss das Anschlusstor. Nur noch 1 : 2. Dann,
acht Minuten später: Die Engländer sind so siegessicher,
dass sie Bobby Charlton gegen Collin Bell auswechseln. Sie
wähnen sich schon im Halbfinale. Wir ackern weiter. Erzielen
fünf Eckstöße in drei Minuten.
76. Minute: Schnellinger flankt von rechts in den Strafraum.
Ich stehe an der Strafraumgrenze mit dem Rücken
zum Tor. Schemenhaft erkenne ich, wie Torhüter Peter Bonetti
im kurzen Eck seines Kastens verharrt. Ich springe
dem anfliegenden Ball entgegen. Er landet dort, wo ich relativ
wenig Haare habe. Auf meinem Hinterkopf. Ich lasse
mich leicht ins Kreuz fallen und schiebe den Kopf unter den
Ball, schnelle hoch. Und das Wunderbare passiert: Der Ball
landet dort, wo er hingehört. Im oberen linken Tor-Eck.
2:2.
Wieder Verlängerung. Wieder ein Drama? Diesmal
nicht. Diesmal ist das Glück auf unserer Seite. Das «Niemals-
Aufgeben» wird belohnt.Wolfgang Overath, der erneut
ein Riesenspiel abliefert, spielt seinen Vereinskameraden
Hennes Löhr an.
Der Kölner spielt Jürgen Grabowski an. Der Frankfurter
flankt vors Tor. Und wer ist da? Natürlich der Mann für’s Toremachen:
Gerd Müller. 108. Spielminute: 3:2 für uns. Die
restlichen zwölf Minuten erinnere ich nicht mehr. Nur noch
den Schlusspfiff. Ich glaube, wir lagen mindestens eine halbe Stunde platt
auf dem Rasen im Stadion. Aber, und das hat mir mächtig
imponiert, die Engländer entpuppten sich als faire Verlierer.
Genau wie wir vier Jahre vorher in London.
Wir hatten also das Unmögliche möglich gemacht. Wir
ahnten nicht, dass sich das Drama fortsetzen würde. Der
zweite Akt fand im Azteken-Stadion in Mexico City statt.
Der Gegner am 17. Juni, also drei Tage nach der England-
Schlacht, hieß Italien. 102 000 Zuschauer sorgten für
eine irre Atmosphäre. Jeder Schrei, jeder Gesang hallte dutzendfach
zurück. Mit uns und Italien standen sich zwei europäische
Spitzenmannschaften gegenüber. Die Italiener
kamen als Europameister 1968. Wir als Vize-Weltmeister
1966.
Wer kannte nicht die Perfektion eines Facchetti, Mazzola,
Riva oder Rivera?
Wieder knallte die Sonne. Diesmal allerdings kämpfte sie
gegen eine gelbgraue Glocke, den Smog.
Das Atmen in 2000 Meter Höhe fiel unheimlich schwer. Wie sollte man
unter diesen Bedingungen Fußball spielen? Wir verfluchten
die Zeitdifferenz erneut.
Die Sympathien der Zuschauer lagen bei uns. Italien hatte
in der Vorrunde nur Fußball zum Abgewöhnen gezeigt.
Nur ein Tor gegen Schweden geschossen, zweimal 0 : 0 gegen
Uruguay und Israel gespielt, und dann die Mexikaner
im Viertelfinale besiegt.
Schon nach sieben Minuten war alle Unterstützung von
den Rängen dahin. Italien führte durch Boninsegna 1 : 0.
Viel schlimmer aber für uns:Wir merkten, dass der Schiedsrichter
Yamasaki – ein Peruaner mit japanischem Pass – ganz
auf Seiten der Italiener stand.
Die Gangart wurde immer härter, wir warfen nach der
Pause alles nach vorn. Aber die italienische Abwehr stand wie eine Mauer.
In der 67. Minute wurde Beckenbauer von
Pierluigi Cera gefoult. Ein klarer Elfmeter, waren sich die
Zuschauer einig! Aber Schiedsrichter Arturo Yamasaki hatte
das Foul außerhalb des Strafraums gesehen.Wir umringten
den Schiedsrichter und protestierten, während Beckenbauer
am Boden liegen blieb: Er hatte sich die rechte Schulter
ausgerenkt.
Da wir bereits zweimal gewechselt hatten, musste der
«Kaiser» die Zähne zusammenbeißen und weiterspielen. Die
Spannung stieg mit jeder Sekunde. Siegfried Held zirkelte
einen Volley an Torhüter Albertosi vorbei aufs Tor, aber Roberto
Rosato konnte auf der Linie in akrobatischer Manier
klären. Müller und ich vergaben eine ganze Reihe guter
Möglichkeiten.
Unerbittlich lief uns die Zeit davon. Nur noch wenige
Minuten, und die Italiener hätten den Sieg in trockenen Tüchern.
Aber wie schon gegen England im Viertelfinale gaben
wir uns noch nicht geschlagen.
In der Nachspielzeit brannte es im italienischen Strafraum lichterloh, und schließlich gab
der unermüdliche Grabowski eine Flanke herein, in die Verteidiger
Karl-Heinz Schnellinger wenige Meter vor dem Tor
hineingrätschte – der Ball war im Netz. Sekunden vor dem
Schluss war der heldenhafte Albertosi überwunden, und die
Italiener konnten es nicht fassen. Ausgerechnet Schnellinger
vom AC Mailand!
Und dann begann die wohl dramatischste Verlängerung
der Fußballgeschichte. Beckenbauer musste wegen seiner
Verletzung den Arm in einer Schlinge tragen. Aber dennoch
entwickelte er stets einen direkten Drang zum Tor,wann immer
er in Ballbesitz war. Müller konnte eine misslungene
Rückgabe von Poletti abfangen und den Ball vor dem überraschten
Albertosi ins Netz drücken. Die Zuschauer waren
völlig aus dem Häuschen.
2 : 1! Unsere Freude währte allerdings nicht lange. In der
9. Minute der Verlängerung spielte Gianni Rivera vom AC
Mailand einen Freistoß in den Strafraum, den Held nur in
Richtung des herannahenden Tarcisio Burgnich klären
konnte. Dieser hatte keine Mühe, vom 5-Meter-Raum
Torhüter Maier zu überwinden. Der amtierende Europameister
hatte den Ausgleich geschafft.Kurz vor dem Seitenwechsel
ging Italien wieder in Führung: Angelo Domenghini
flankte von der linken Seite in den Lauf von Luigi
Riva, der sich die Chance nicht entgehen ließ. Unglaublich,
aber wahr: Dies war der 22. Treffer von «Gigi» in seinem
21. Länderspiel!
Die zweite Hälfte der Verlängerung brachte noch mehr
Dramatik.
Das Spiel blieb ungeheuer schnell, und beide
Mannschaften hätten nahezu bei jedem ihrer Angriffe einen
Treffer erzielen können. Deutschland gelang erneut der
Ausgleich. Wieder kam ich zum Kopfball, und Müller war
erneut zur Stelle, um den Ball in klassischer Abstauber-Manier
im italienischen Gehäuse unterzubringen. Rivera am
langen Pfosten hielt sich fassungslos den Kopf.
Aber die Italiener ließen sich selbst durch den neuerlichen
Ausgleich nicht beirren. Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff
stieß Boninsegna auf der linken Seite bis zur
Grundlinie durch und spielte den Ball dann klug auf Rivera
zurück. Europas Fußballer des Jahres 1969 schickte Maier
in die falsche Ecke und erzielte das fünfte und entscheidende
Tor dieser Verlängerung.
Der Stürmerstar, der erst nach der Pause eingewechselt worden war, hatte bewiesen,
dass er mit Riva im Sturm ein überragendes Duo bilden
konnte, wie die Tifosi es bereits von Beginn des Turniers an
gefordert hatten.
Das Spiel war aber immer noch nicht zu Ende. Nach
zwei Stunden Fußball unter der brütenden mexikanischen Sonne waren beide Mannschaften körperlich am Ende, und
die letzten Minuten wirkten nahezu wie in Zeitlupe. Die Italiener
machten ihrem Ruf als Zeitschinder alle Ehre und
blieben nach jedem Zweikampf am Boden liegen, schossen
den Ball hoch auf die Tribüne und diskutierten lang und
breit über jede Schiedsrichterentscheidung. Mit dem erlösenden
Schlusspfiff fielen wir uns um den Hals, und einige
brachen vor Erschöpfung regelrecht zusammen.
Plötzlich schien es keine Rolle mehr zu spielen, wer Sieger und wer
Besiegter war. Die Zuschauer waren völlig überwältigt und
konnten sicher sein, ein wahrhaft unvergessenes Spiel gesehen
zu haben.
Später brachte man vor dem Stadion in Mexico City eine
Gedenktafel an, auf dass das Spiel Deutschland – Italien,
dieses grandiose Kapitel der WM-Geschichte nie in Vergessenheit
gerate.
60 000 Menschen empfingen uns Heimkehrer in Frankfurt,
als wären wir und nicht die Brasilianer Weltmeister geworden.
Politiker drängelten sich neben die Spieler aufs
Foto und sagten, was sie bei solchen Anlässen immer sagen.
Die Fußballer seien die «besten Botschafter unseres Landes»
gewesen. So verkehrt war das freilich nicht.
Viel Lob, viel Ehr! Und ein Beweis dafür, dass nur derjenige
Erfolg hat, der belastbar ist und der einen starken
Willen zum Erfolg hat.
Einen Spieler möchte ich besonders erwähnen:Wolfgang
Overath vom 1. FC Köln.
Sein Wille war besonders ausgeprägt. Seine Stimme
klang schrill, wenn er losschrie. Sein Trikot-Hemd steckte
selten in der Hose. Seine Pässe schlug er über 30 bis 40 Meter
mit einer solchen Präzision, dass ihn viele schon mit Fritz
Walter verglichen. Die WM 1966 in England ließ ihn vom
Weltmeistertitel träumen, Mexiko auch – aber 1974 ging der Traum mit dem Titelgewinn endlich in Erfüllung. Für ihn,
das jüngste von acht Kindern aus dem rheinischen Siegburg,
hat mich dieser Erfolg besonders gefreut. Vielleicht
signalisierte das Fußball-Schicksal 1970 schon so eine Art
Zuneigung.
Wolfgang schoss das «Goldene Tor» beim 1 : 0-
Sieg im «kleinen Finale» gegen Uruguay.
Der dritte Rang hinter Sieger Brasilien und Finalist Italien
war nicht nur für mich ein toller Erfolg, obwohl damit
klar war: Ich würde in meiner Karriere niemals Weltmeister
werden. Auch nicht Europameister. Ich würde in die Annalen des Fußballs als Teilnehmer an vier Weltmeisterschaften
und einmaliger Deutscher Meister – 1960 – eingehen.
Nackte Fakten.Tatsachen. Das will verdaut werden.
Wie wohltuend, dass ich nach der Rückkehr am 28. August
aus Mexiko erneut zum «Fußballer des Jahres» gekürt
wurde. Zum dritten Mal.
Zwölf Tage später schlug dann jene Stunde, vor der jeder
Leistungssportler Bammel hat.
Entnommen aus dem Buch:



«Klinsi killt King Kahn»,«Panzer vor Deutschlands Stadien?», «Rooney am Boden, England am Abgrund»: Bei allem Unterhaltungswert – manchmal nervt die Balkenpresse mit ihrem triumphalistischen oder apokalyptischen Gestus tierisch. Man kann aber auch ander
Weblog: Dichter RanAufgenommen: Jun 06, 18:22