Dieter Kürten: Drei unten, drei oben
Für den ZDF-Sport war er ein Glücksfall. Über Jahrzehnte war er das Aushängeschild des Aktuellen Sportstudios. «Dieter Kürten kriegt jeden» war ein geflügeltes Wort in der Redakzion. Ob Muhammad Ali, Pelé, Johnny Weismüller oder Willy Brandt – alle standen ihm Rede und Antwort. In seiner Autobiographie Drei unten, drei oben spricht er über ungewöhnliche Menschen aus Sport, Kultur und Politik, über Freunde und Wegbegleiter.
Helmut Schön
Schöngeist mit Schiebermütze! Auch wenn Helmut Schön als Nationaltrainer eine unglaubliche Bilanz vorzuweisen hat, schien er eigentlich nicht unbedingt zum Erfolgstrainer prädestiniert zu sein.
Schon als Spieler beim Dresdener SC, mit dem er zwischen 1941 und 1944 je zwei Meister- und Pokaltitel errang, und im Nationalteam galt er als ein scheuer und dünnhäutiger Zeitgenosse. Der Kunsthändlersohn mit Abitur schien eher für die zarten, poetischen Seiten des Lebens geschaffen. Kunst, Musik, Literatur, das liebte er. Und doch erwarb er die Trainerlizenz an der Deutschen Sporthochschule Köln bei Sepp Herberger; er war Trainer des autonomen Fußballverbandes
Saarland und danach Assistent von Herberger, dessen Amt als Nationaltrainer er 1964 übernahm und bis 1978 behielt.
Ich bin während der WM in England einmal so heftig mit dem
«Langen» aneinander geraten, dass es mich anderswo vielleicht den
Job gekostet hätte. Dabei verstanden wir uns bis dahin ganz ausgezeichnet.
Helmut Schön war kein einfacher Mensch: vor entscheidenden
Spielen immer unter Hochspannung, ein Nervenbündel,
eine wandelnde Magenschleimhaut-Entzündung, wie wir Journalisten
zu sagen pflegten. Aber wenn der Stress vorüber war, präsentierte
er sich völlig verwandelt: ein Weintrinker, Pfeifenraucher und
Charmeur.
Und dann das! Im deutschen Trainingslager in Ashbourne hatte
ich ihm bei einer internationalen Pressekonferenz eine Frage gestellt,
die er als tendenziell landesverräterisch empfand: «Was ist eigentlich
mit Horst-Dieter Höttges? Stimmt es, dass er verletzt ist?»
Mir war im deutschen Camp zu Ohren gekommen, dass der Einsatz
des Bremer «Eisenfußes» fraglich war. Kaum war die Frage raus, die
heutzutage bei Pressegesprächen vor wichtigen (und weniger wichtigen)
Spielen gang und gäbe ist, sah ich, wie Schön die Zornesader
auf der Stirn schwoll. Irgendwie gelang es ihm noch, die Beherrschung
zu wahren und mich abzuschmettern: «Junger Freund, Sie
werden doch hier nicht von mir erwarten, dass ich ins Detail gehe.»
Unglücklicherweise traf ich ihn wenig später im Mannschaftshotel.
Er brüllte mich zusammen, geriet völlig aus der Fassung und wollte
sich gar nicht mehr beruhigen.
Schließlich reiste Wim Thoelke aus der Wiesbadener Zentrale
an, um zu kitten, was zu kitten war. Denn es wäre für unsere weitere
Arbeit vor Ort katastrophal gewesen, wenn Schön unser ZDF-Team
von nun an geschnitten hätte.
Das Ergebnis des Krisengesprächs mit dem Bundestrainer war meine Abkommandierung in die Londoner WM-Zentrale des ZDF; den Job in Ashbourne übernahm dann Wolfram Esser. Helmut Schön erbleichte – «Das habe ich doch nicht gewollt!» – und bat um Schonung für den Übeltäter; meine Abberufung war ihm ausgesprochen peinlich.
Glück und großartige Spieler allein können den einzigartigen Erfolg
Helmut Schöns als Nationaltrainer nicht erklären. Es stimmt
schon: Er trainierte die vielleicht beste deutsche Mannschaft aller
Zeiten, mit Ausnahmespielern wie Beckenbauer, Overath, Netzer,
Maier und Müller. Andere Trainer wären mit dieser Edelauslese
vielleicht gescheitert. Aber der «Lange» reagierte auf seine feinfühlige
Art in manchen Situationen intuitiv richtig, in denen autoritäre
Trainertypen viel Porzellan zerschlagen hätten.
«Am Tage, wenn der Lagerkoller drohte, packte er seine Leute in den Bus und fuhr sie zu den Delphinen im Zirkus oder den Möwengelegen am Ostseestrand», erzählte Max Merkel. «Als Vereinstrainer, glaube ich, wäre
er vor die Hunde gegangen. Schön war nie ein doller Taktiker, aber er konnte taktisch gucken, seine Betroffenheit oder seine Zufriedenheit waren auf dem ganzen Spielfeld zu sehen.» Ein netter Mensch, der zudem auch noch taktisch gucken kann! Als er mir später das Du anbot, dachte ich: Jetzt wirst du gesalbt.
Übrigens – Helmut Schöns Enkel Philipp spielt heute mit meinem
Sohn Jonathan in derselben Basketballmannschaft.
1974: der Leibchen-Coup
Mit Helmut Schön verbindet sich auch eine amüsante Episode vom
WM-Finale 1974 in München. Ich war in unserem Besetzungsplan
als ZDF-Reporter vor Ort nicht vorgesehen, hätte aber sicher noch
auf den Zug aufspringen können, wenn ich es darauf angelegt hätte.
Aber mir kam diese Situation ganz gelegen.
Wenige Monate vor dem Beginn der WM war mir eine Anfrage der Firma Intercord auf den Schreibtisch geflattert – ob ich Lust hätte, eine Schallplatte rund um die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften zu produzieren. Konzeption, Recherche, Reportagen, Interviews, Produktion – ein interessantes Projekt. Und dazu noch mein «Hörfunkdebüt», wenn ich einmal von dem Kurzzeit-Engagement 1976 bei Radio Luxemburg absehe. (Programmdirektor Frank Elstner hatte mich als Urlaubsvertretung für sein Infomagazin «RTL 12 Uhr mittags» engagiert. Einer der Nachrichtensprecher war Hans Meiser; auch Dieter Thomas Heck war damals in Diensten von Radio Luxemburg. Ein PR-Gag, nichts Ernsthaftes: eine schöne Stadt, in der man seine Ruhe hat und ganz anständig essen und trinken kann. Nach einer Woche Luxemburg freute ich mich wieder auf mein normales Leben.)
Bevor ich Intercord die Zusage geben konnte, musste ich den
Dienstplan weiter im Auge behalten. Aber es blieb dabei: Ich war
nicht vorgesehen, und so stellte ich reinen Gewissens einen Antrag
auf Nebentätigkeit, der auch umgehend genehmigt wurde. Ich
konnte mich an etwas Neuem erproben, nebenher ein bisschen
Geld verdienen und en passant die meisten deutschen Spiele anschauen.
Am 22. Juni die Pleite von Hamburg – 0:1 im «Bruderkampf
» gegen die DDR. («Wieder einmal zeigt sich, dass die BRD
auch nur mit Sparwasser kocht», spottete die DDR-Presse.) Die beiden
Düsseldorfer Spiele in der Zwischenrunde gegen Jugoslawien
(2:0) und Schweden (4:2). Die Wasserschlacht gegen Polen in
Frankfurt; das Waldstadion glich einer Seenplatte, viele Szenen sahen
aus wie Slapsticknummern, obwohl mit großen staubsaugerähnlichen
Gerätschaften noch eine Menge Wasser vom Platz abgeschöpft
worden war.
Gerd Müllers Tor aus der 76. Minute bedeutete den Einzug ins Finale gegen Holland. Das hätte beinahe ohne mich stattgefunden, weil ich weder ein Eintrittsticket besaß noch eines jener heiß begehrten Leibchen, mit denen Pressefotografen, Kameraleute vom Fernsehen, Rundfunkreporter und einige Offizielle ins Allerheiligste vordringen konnten, in den Innenraum des Münchener Olympiastadions. Bis dahin hatte alles wunderbar geklappt: Ich sah und kommentierte die Spiele, abends wurde das Material noch in die Stuttgarter Intercord-Zentrale
gebracht und technisch bearbeitet. Denn die Platte wie die Musikcassette sollten ja wenige Tage nach dem WM-Finale schon auf dem Markt sein. Es gelang mir sogar, mit Helmut Rahn, Sepp Herberger und Max Schmeling alle meine Wunschpartner vors Mikrophon zu holen. Und nun drohte ich kurz vor dem Gipfelsturm zu scheitern!
Dass ich von unseren Leuten kein Leibchen für das Finale bekommen
würde, lag auf der Hand. Die waren akkurat abgezählt: soundso
viele für die Kameraleute, für den Ton, für den Redakteur.
Gleich beim ersten Spiel hatte ich mir ein Klappstühlchen von einem
der Verleiher im Stadion besorgt; ich wollte ja während des
Spiels nicht die ganze Zeit dumm rumstehen. Ich beschloss, das
Stühlchen nicht zurückzugeben, obwohl es nur für ein Spiel ausgeliehen
war. Als ich, die praktische Sitzgelegenheit unter dem Arm,
mich an besagtem Verleiher vorbeischleichen wollte, schüttelte der
bekümmert den Kopf: «Sieh an, auch der Herr Kürten entwendet
Klappstühle.» – «Ach du Schande», erwiderte ich, «das hätte ich ja
fast vergessen …»
Schließlich einigten wir uns darauf, dass ich das
nützliche Objekt, das nun von Spiel zu Spiel mitwanderte, erst nach
dem Finale zurückgeben musste.
Ich werde Ihnen nicht verraten, wie ich an das zweite, noch wichtigere
Utensil gekommen bin, das Leibchen. Das möchte ich vor
allem meiner Kontaktperson ersparen. Geklaut habe ich es nicht,
Ehrenwort. Sagen wir: Beziehungen, Klüngel, Hilfst-du-mir-helfich-
dir, exquisite Kontakte, speziell in München.
Kaum hatte ich das gute Stück am Leib, kam doch tatsächlich
einer aus meiner Redaktion, der unbedingt noch hinein wollte und
nicht verstehen konnte, wie ich Nebenerwerbler eine dieser heiß begehrten
textilen Eintrittskarten ergattert hatte.
Da ich Gewissensbisse verspürte, war ich froh über eine wahrhaft christliche Lösung des Problems: Geben ist seliger denn Nehmen! Wie weiland der heilige Sankt Martin mit dem Schwert seinen Mantel teilte, um eine Hälfte einem Frierenden zu überlassen, schnitten wir kurzerhand das Leibchen in zwei Teile und hofften inständig, dass man uns immer nur von vorn sehen würde …
Von nun an lief die Sache bestens. Höchste Sicherheitsstufe wegen der versammelten Politprominenz (Bundeskanzler Helmut Schmidt, Bundespräsident Walter Scheel, US-Außenminister Henry Kissinger) – kein Problem. Ich besaß ein Stühlchen, ich besaß ein (halbes) Leibchen, und ich kam mit dem Mikrophon in der Hand unbeschadet in den Innenraum des Olympiastadions, bis auf zehn Meter an die deutsche Trainerbank heran – Augenhöhe. Sogar der zappelige Helmut Schön winkte freundlich zu mir herüber: «Nett, Sie zu sehen, Herr Kürten.»
Alles in Ordnung. Nur wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich eigentlich im Dienstplan des ZDF stünde, hätte ich sagen müssen: Nein, leider nicht. Aber wer fragt schon nach so was?
Da niemand auf mich achtete, robbte ich mich Zentimeter für Zentimeter an die Herren Schön, Derwall und Deuser heran. Welch aufregende Perspektive, das Spiel fast von der Höhe der Grasnarbe
aus zu verfolgen! Und die ganze Zeit war ich von dem Gedanken beseelt, dass ich der Erste und vielleicht Einzige bin, der nach dem Abpfiff unten auf dem Rasen die Blitzinterviews machen würde,
denn die Rundfunk- und Fernsehleute waren alle oben in ihren Kabinen.
Im Innenraum war ich ohne Konkurrenz. Und endlich, endlich hatte ich sie alle: Beckenbauer, Overath, Breitner, Helmut Schön. Erschöpfung, Sprachlosigkeit, absolute Emotion, im Prinzip genau die Art von Interview, die verboten gehört. Aber «voll authentisch» …
Ach ja, falls es Ihnen entfallen sein sollte: Unsere haben gegen
die Holländer gewonnen. Neeskens. Breitner. Müller: 2:1.
Giovanni Trapattoni
Er kam frisch vom Pokalsieg des FC Bayern gegen den MSV Duisburg
ins Studio; aber der Maestro war nachdenklich und melancholisch
gestimmt. Als ich ihm beim Abschied dann noch sagte, wie
traurig viele über das bevorstehende Ende seiner (zweiten) Dienstzeit
bei Bayern München seien, war es mit seiner Contenance vorbei:
Die Tränen liefen ihm über die Wangen, er nahm mich in den Arm –
und war heilfroh, dass die Kamera schon im Abschwenken war.
Trapattoni verkörperte Stil, Eleganz und Lässigkeit wie kein anderer,
der je auf einer deutschen Trainerbank saß. Sein Markenzeichen:
Dirigentengestik, sprechende Hände, flehentlich zum Himmel
gewandte Augen – er war der gute Schuss Bella Italia in der
deutschen Fußball-Bundesliga. «Il Tedesco», der Deutsche, ein Muster
an Selbstbeherrschung und Gelassenheit – bis zu jenem Gefühlsausbruch
am 10. März 1998 im Medienpavillon des FC Bayern München.
Seine «Münchner Rede» ist in die Annalen der Fußballgeschichte
eingegangen.
Sie entzückte nicht nur Harald Schmidt («Ein neuer
Gigant am Medienhimmel ist aufgegangen»), sondern beeindruckte
eine ganze TV-Nation. In einem drei Minuten und zehn Sekunden
dauernden rhythmischen Stakkato wusch er den hoch bezahlten
Angestellten des FC Bayern in einer Weise den Kopf, wie es nicht
einmal Beckenbauer je bei einem seiner gefürchteten rhetorischen
Rundumschläge getan hatte. «Haben keinen Mut an Worten, aber ich weiß, was denken über diese Spieler!», zürnte er. «Was erlauben Struuunz? Ein Trainer ist nicht ein Idiot.» Als Trapattoni seine
Brandrede mit dem legendären Satz «Ich habe fertig» beendete, ahnte er nicht, dass er mit seiner deutsch-italienischen Improvisation einen Medienhype sondergleichen auslösen würde.
Seine Rede brachte es zum Aufmacher im heute-Journal
und zum Gegenstand des Kommentars in den Tagesthemen, und
kein Kabarettist, der nicht begierig nach den «Flasche leer»- und
«Habe fertig»-Versatzstücken griff. Der gute Trap, geniert hat er sich
deswegen, und war doch froh, endlich einmal seinen Zorn über satte
Spieler und mediale Gepflogenheiten beim «FC Hollywood» herausgelassen
zu haben.
Ich hätte im Sportstudio gerne mehr Gäste von der Freundlichkeit
und Weltläufigkeit eines Giovanni Trapattoni gehabt.
Franz Beckenbauer
«Wennst so an Schmarrn schreibst, dann schaug i di nimmer o!»
Auch auf die Gefahr hin, mir von Franz einen saftigen Kommentar
einzuhandeln – ganz ohne ein Wort zu Werden und Wollen des
«Kaisers» geht es nun einmal nicht.
Seine ersten Fußballschuhe waren umgearbeitete Skischuhe: bis unter
die Knöchel abgeschnitten, Lederstollen drunter genagelt.
Man musste kein Hellseher sein, um in dem schmächtigen Burschen, der im vierten Stock eines alten Mietshauses in München-Obergiesing aufgewachsen war, ein großes Fußballtalent heranreifen zu sehen.
die geschlenzten Außenristpässe: unverschämt lässig. Der Blick für Raum und Mann: bestechend. Die Fähigkeit, Flanken übers halbe Spielfeld zu schlagen: Alles das, was es ihm später möglich machte,
den Libero in Perfektion zu spielen, war in Ansätzen schon früh zu erkennen.
Als die Schüler- und Jugendabteilung seines SC München 1906 aufgelöst werden sollte, hatten ihn die Späher von 1860 München
längst ausgeschaut. Aber dann passierte es: Bei einem Turnier in
Neubiberg fing er sich vom Mittelläufer von 1860 mit dem schönen
Namen Bauernfeind eine schallende Ohrfeige ein. Wutentbrannt
gab Franz nach dem Spiel in der Kabine bekannt, jetzt gehe er zum
FC Bayern und nicht zu 1860. Bauernfeind? Bayernfreund!
«Sie aus Schlagsahne, Sie kein Kämpfer, Sie ein Strohhalm» – so soll
Trainer Tschik Cajkovski Franz Beckenbauers ersten Arbeitsnachweis
im Dress des FC Bayern München kommentiert haben. Denn
«was nützt Ballbehandlung, wenn nicht kommen an Ball?»
Aber er hat sich beim FC Bayern durchgesetzt, wie wir wissen, und nicht nur dort: Deutscher Meister, Pokalsieger und Europapokalsieger mit dem FC Bayern München. Europameister (1972) und Weltmeister als Spieler (1974) und Teamchef (1990: «Geht’s raus und spielt’s Fußball»). Und die vorläufige Krönung: die Weltmeisterschaft 2006, die er als Präsident des Bewerbungskomitees nach Deutschland holte. Alle sechzehn Jahre pflegt Franz Beckenbauer einmal kräftig zuzulangen.
Sein erster geschäftlicher Deal (während der Fußball-WM 1966 in
England) war eine solche Katastrophe, dass Bayern-Direktor Robert
Schwan, der sich um den Jungnationalspieler kümmerte, grün vor
Ärger wurde. Für tausend Mark hatte Franz sich einen Werbevertrag
des Haarcreme-Herstellers Brisk aufschwatzen lassen. Da er
noch nicht volljährig war, gelang es Schwan, ihn aus dem Vertrag
wieder herauszuholen. «Und während ich ein Jahr lang Uwe Seeler
mit vollem Brisk-Haar in den Zeitungen sah, schlossen wir mit
Knorr für 100 000 Mark ab, damals ein Riesengeld.» (Robert
Schwan) Erinnern Sie sich noch? Franz am Küchentisch, eine
dampfende Fertigsuppe vor sich, und der Slogan, den bald jedes
Kleinkind nachplappern konnte: «Kraft in den Teller, Knorr auf den
Tisch!» Natürlich musste er auch noch eine Schallplatte aufnehmen
(«Gute Freunde kann niemand trennen»), das machten damals alle.
«Deutschlands WM-Organisationschef für 2006, Franz Beckenbauer,
und seine Ehefrau Sybille trennen sich.» Die Meldung der Agenturen,
die uns am 25. Juli 2002 morgens auf den Redaktionstisch
flatterte, hat mich überrascht und traurig gestimmt. Wie oft habe
ich Sybille an der Seite ihres Mannes getroffen, der mich wie immer
mit der Begrüßungsfloskel «Ah, auch hier, Herr Valérien!» empfing.
Normalerweise nennt er mich «Burschi», seit den siebziger Jahren,
als wir uns regelmäßig begegneten und ein freundschaftliches Miteinander
entwickelten. «Was macht das Handicap?», habe ich sie,
die treffliche Golfspielerin, gefragt, als wir uns zuletzt sahen. Sybille
grinste zurück: «Welches?»
Wenn ich auf die veritablen Handicaps ihres Franzl zu sprechen
komme, dann sehe ich diese zuallererst in seinem Temperament begründet.
Er kann böse aufbrausen, bis zum Jähzorn, danach jedoch
schlagartig abkühlen, als sei nie etwas gewesen. Er schafft sich Probleme,
da er sein Herz meist auf der Zunge trägt.
Das brachte ihn zum Beispiel in Teufels Küche, als er während einer Pressekonferenz vor dem WM-Turnier 1986 in Mexiko lospolterte, man habe ihn mit «dem letzten Schrott» ins Land der Azteken
geschickt. Zu diesem Fußballerschrott, den er natürlich selbst nominiert hatte, gehörten immerhin Bundesliga-Größen wie «Toni» Schumacher, Lothar Matthäus, Hans-Peter Briegel, Andreas Brehme,
Felix Magath, Dieter Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Allofs und ein gewisser Rudi Völler.
Und dieser «Schrott» kämpfte sich bekanntlich bis ins Finale im Estadio Azteca in Mexico City gegenb Argentinien durch; mit einem besser aufgelegten Torhüter wäre die «Gurkentruppe» (auch ein Qualitätsurteil des Teamchefs über die Seinen) vermutlich nicht 2:3 unterlegen, sondern Weltmeister geworden. «Jo mei, Schrott, was soll’s?», pflegte Franz später achselzuckend zu sagen. «Schnee von gestern – immerhin waren wir im Endspiel.»
Als WM-Diplomat in Diensten des DFB wusste er sich wahrhaft «kaiserlich» zu bewegen; ansonsten zählt Diplomatie nicht immer zu seinen Stärken. Kaum zu glauben, dass seine Zornesausbrüche gegenüber Schiedsrichtern nie mit einer roten Karte geahndet wurden. So charmant und galant Franz meist auftritt, manchmal platzt ihm, dem «Firlefranz» (Der Spiegel), einfach der Kragen. Und dann rutschen ihm denkwürdige Sätze heraus, wie etwa bei den Verhandlungen um die neue Bayern-Arena im Münchener Rathaus: «Gibt’s denn in München keine Terroristen, die das Olympiastadion in die Luft jagen könnten?»
Genialer Fußballspieler hin, Lebenskünstler her: Was ich an Franz
Beckenbauer rückhaltlos bewundere, ist seine Professionalität; an
ihm sieht selbst das Schwierige ungemein leicht und beschwingt
aus. Schon als Spieler hat man von ihm niemals Befreiungsschläge
auf die Tribüne gesehen, dafür aber einige fabelhafte Selbsttore.
Wir waren gemeinsam in vielen Ecken dieser Erde, immer durfte
ich auf ihn zählen, wenn ich als Journalist um ein Statement bat.
«Mach’s nicht so lang, Burschi!» Aber wenn’s denn länger wurde –
«a guat.»
So brauchte ich 1998 für meine Sendung «WM-Fieber»
unbedingt ein Interview mit ihm, dem Denker und Lenker hinter
dem deutschen WM-Triumph von 1990. «Da muas i ja mitten in der
Nacht vom UEFA-Cup-Spiel in Dortmund zu dir nach Mainz.» –
«Genau. Ich hol dich im Stadion ab!»
Borussia Dortmund – Bayern München 1:0! Bayern raus, große
Pleite. Beckenbauer bis Mitternacht bei RTL beschäftigt. «Tut mir
Leid, musst halt warten!» Und so wartete ich und wartete … Kurz
nach ein Uhr machten wir uns auf den Weg nach Essen, wo seine
Mannschaft niedergeschlagen im Hotel zusammenhockte. «Wo ist
Trapattoni?» – «Hat sich eingeschlossen. Will keinen sehen.»
Kurzer Appell an die Verlierer, drei Gabeln Spaghetti, einen kleinen
Roten, dann rein ins Auto und ab Richtung Mainz. Um vier
Uhr in der Frühe waren wir endlich im «Nassauer Hof» in Wiesbaden.
«Treffpunkt wann?» Ich traute mich gar nicht zu antworten, es
waren ja nicht einmal mehr fünf Stunden. «Also los, Aufzeichnung
wann? Zehn Uhr? Gut, dann neun Uhr Rezeption, o. k?» Um Punkt neun Uhr stand Franz Beckenbauer da, wie aus dem
Ei gepellt. Kurz darauf in Mainz: Maske, Studio, Ansteckmikrophon,
MAZ ab, Interview! Keine Pause, keine Panne, prima Stimmung,
ein perfekter Auftritt. «Honorar?» – «Wieso Honorar?
Wenn’s was vorgeseh’n habt’s, weißt ja, wohin damit! Mach’s halt
wie immer.» «Wie immer» hieß: Spende für die Franz-Beckenbauer-
Stiftung zur Förderung körperlich, geistig oder seelisch behinderter
Menschen. Auch das ist Beckenbauer!
Entnommen aus dem Buch (Klick auf das Cover für Details):



(Photo: Thomas Müller)Dieter Kürten wurde 1935 in Duisburg geboren. Journalist, seit 1963 beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Live-Reporter bei zahlreichen Sport-Großereignissen. Seit 1967 moderierte er mehr als vierhundertmal das „Aktuelle Sportstudio“.
Weblog: Dichter RanAufgenommen: Jun 06, 18:14
«Klinsi killt King Kahn»,«Panzer vor Deutschlands Stadien?», «Rooney am Boden, England am Abgrund»: Bei allem Unterhaltungswert – manchmal nervt die Balkenpresse mit ihrem triumphalistischen oder apokalyptischen Gestus tierisch. Man kann aber auch ander
Weblog: Dichter RanAufgenommen: Jun 06, 18:23