Goleo olé! (Kirsten 3)


Tagebuch eines Kolumnenthemas

16.5.2006
… Goleo-Herrsteller in der Krise. Firma Nici, galt bislang als eines der wachstumsstärksten Unternehmen in Bayern. Hohe Produktionszahlen stehen niedrigen Absatzmengen gegenüber …

Juhu, super Kolumnenthema. Ich tippe los:
Ein fröhlich-schlichter Löwe ruiniert das ganze fröhlich-schlichte Bayern. Endlich! Ich haue mit in die Kerbe, dass Goleo der mißlungenste Entwurf eines Maskottchens seit Maskottchengedenken ist. Goleo sieht behämmert aus, schreibe ich, als ob er sofort in die Tatzen patscht, wenn Musik erklingt, und dazu Geräusche zwischen „Höhö“ und „Hui“ von sich gibt. Eine sehr schlicht gestrickte Großkatze. Ich schreibe: ich frage mich, wer den Wurf aus seinem Hirn heraus gebrainstormt hat. Was fällt euch denn bei Fußball ein? Klar, ein Löwe. Und was fällt euch bei Deutschland ein? Ganz klar, ein Löwe. Die Macher haben ihm noch einen sprechenden Fußball als Freund gegeben, damit er nicht so allein ist. Und ein Alter haben sie ihm auch verpasst. Goleo ist 18 Jahre alt. Damit ist er umgerechnet in Menschenjahren ungefähr achtzig. Darum rafft der auch nicht mehr so viel, die große alte Mieze.
Ja, und noch einen drauf!


Entworfen wurde der Leu von dem Amis. Wollten die sich für irgendwas rächen? Fällt mir gar nicht ein, wofür. Könnte was mit Krieg zu tun haben. Jaaaa, solln sich die Krauts mal schön blamieren mit dem Hauptschul-Vieh.
Ich behaupte, die Krise von Nici wäre ein Sieg der Menschen gegen den Kapitalismus. Ja! Es wird doch nicht alles gekauft, nur weil es produziert wurde. Goleo ist doof und die Kinder wollen nicht mit ihm kuscheln. So einfach!

18.5.2006
… Bei Nici soll es trotz Insovenz weitergehen. Goleo ist nicht allein schuld. Millionen-Investitionen der Firma in eine neue Lagerhalle. Der Chef wird gefeuert. Es wurde eine „erhebliche bilanzielle Unterdeckung“ festgestellt …

Nee, sowas Ekliges will ich auch nicht haben, klingt ja gemein.
Öh, gar kein schönes Kolumnenthema. Goleo ruiniert nicht Bayern. Jetzt muß ich das alles wieder so blabla, vorsichtiger formulieren. Davon wird die Kolumne wurmstichig und oll. Ich google nach anderen Maskottchen und stelle fest, Goleo ist nicht viel häßlicher als die anderen Viecher. Der Löwe von 1966 hat auch nicht so viel mit England zu tun. Eigentlich gibt’s gar nichts rumzumeckern und ohne rummeckern wird die Kolumne fade, schade. Ich stoße beim googeln auf Paule. Paule ist das Maskottchen vom DFB. Der Paule hat einen deutschen Namen, ist ein schwarzer Adler, hat einen riesigen gelben Schnabel und eine rote Zunge. Er ist also schwarz, rot, gold und noch dazu ein Adler. Da lief das Brainstorming irgendwie besser als beim Goleo. Der Paule hat auch ganz wache schwarze Äuglein, der sieht aus als hätte er einen Schulabschluß, im Gegensatz zum bekifften Goleo, der seine Mähne auf seinen Pfoten ablegte und jede Schulstunde verpennte. Aber ich habe keine Lust, mich für Paule so einzusetzen. Mir doch egal, welches Tier da mit einem Studenten drin über den Platz hopst. Was soll ich nur schreiben? Ich warte die nächste Schlagzeile ab.

23.5.2006
… Gegen den Ex-Chef von Nici, Ottmar Pfaff, liegt ein Haftbefehl vor, weil er ab dem Jahr 2000 beschlossen hatte, Scheingeschäfte vorzutäuschen und die Finanzfirmen um mindestens 40 Mille zu betrügen …

Blödes Kolumnenthema. Ich schreibe total ungern über Wirtschaftszeug, das klingt immer so unrealistisch, wie ein Krimi. Neben dem Bericht ist ein Foto von Goleo, da sieht er ganz traurig und süß aus. Ohhh. In Wahrheit ist er ein Opfer. Aber wahrscheinlich steht morgen in der Zeitung, Goleo wäre mit dem Geld durchgebrannt und Ottmar Pfaff wollte ihn decken, weil er doch mit 18 Jahren nicht mehr unters Jugendstrafrecht fällt.
Nee, ich werde einfach nicht über Goleo zu schreiben.

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