Fanweltmeister! Dritter!

Montag, 10. Juli 2006


Erstens: Wir sind Gastgeberweltmeister!;
Zweitens: Wir sind Fanweltmeister!
Drittens: Wir sind Dritter!

Ich hatte mir extra eine neu erworbene, heruntergesetzte Jacke mit zu meinem Freund genommen und neben die Rauchwaren zurechtgelegt, um daran den Knopf anzunähen, der für den Preisnachlass der Jacke verantwortlich gewesen war. Ich hatte so den Eindruck, wenn ich so in mich hineinschaute, so in mein Herzstadion, sag ich mal so in der eigentümlichen Art von Sportmoderatoren, die auch nach einem Spiel nicht aus ihrem sprachlichem Elf-Meter-Raum herauskommen, dass meine Euphorie nach der Niederlage gegen Italien im Abseits herumhing. Darum bereitete ich mich auf einen unaufregenden Fußballabend vor, bei dem es mir hauptsächlich um das Annähen eines Knopfes ging.

Der Knopf war nach dem Spiel immer noch nicht dran, und wir sind Dritter. „Na, ist doch auch was!“ sagte die Kindergärtnerin in meinem Kopf. Ja, ich habe eine Kindergärtnerin im Kopf, die sagte auch: „Da wollen wir doch jetzt alle mal fröhlich sein! Und wir fassen uns alle bei den Händen!“ Also waren ich und Freund fröhlich und fassten uns mit den Hände an diese. Das ZDF hörte gar nicht mehr auf zu übertragen, damit sich die Stimmung auch ja richtig übertrug. Freund bekam gar nicht genug davon und wippte froh mit seinem Fuß – das war seine Art, herumzuhüpfen und zu brüllen.


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Auskenner

Freitag, 7. Juli 2006


Heute ist spielfrei, und ich finde in meinem Strumpf einen Fußnagel, da gehört er ja auch hin … aber nicht abgeschnitten. Also, nichts Aufregendes zu vermelden, wenn nicht Fußball kommt.
Jetzt, wo Deutschland in dem Sinne raus ist, dass es nur noch um das klebrige Trostpflaster „dritter Platz“ kämpfen kann, wird da jeden Tag nur Fußnagel im Strumpf sein? Was ist nach der WM? Nur Fußnagel im Strumpf?
Was bin ich froh, dass ich als Zuschauer wenigstens bis zum Schluss dabei bin. Ich schaue bis ins Endspiel. Nur zwei Mannschaften kommen so weit wie der Zuschauer kommt.
Die armen Brasilianer. Ätschbätsch!


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Schön dummdoof (Kirsten 9)

Mittwoch, 5. Juli 2006




Die gängigen Gründe, Fußball abzulehnen



Ist doch nur ein langweiliges Spiel. Ich weiß nicht, was daran so wichtig …
Ein Spiel! Elf Mann kämpfen für einen Sieg gegen elf Mann, die auch für einen Sieg kämpfen. Wenn nur eine Mannschaft gewinnen wollen würde, dann wäre es nur ein langweiliges Spiel.

Ist doch nur Krieg mit anderen Mitteln. Sind wir nicht viel zu zivilisiert, um solch ein …
Ja, aber wenn man nicht Krieg mit anderen Mitteln führen würde, würde man ja Krieg führen. Warum sind die Amis so schlecht im Fußball? Weil sie lieber richtig Krieg führen.


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Kalender, K.O.lender (Kirsten 8)

Samstag, 24. Juni 2006


Ich habe die USA gegessen. Ich habe Polen gegessen und auch die Tschechen. Costa Rica wurde von Katharina gegessen (hat ihr aber nicht geschmeckt) und Japan von Christopher, der dann auch noch frühzeitig Australien vernascht hat, weil er seinen Fußballkentnissen vertraut und ich gerade in der Küche war. Dann wollte er Brasilien haben – haha! Nix da! Alfred hat Mexikos Flagge mit Italiens Flagge verwechselt, und darum ist Italien zu Unrecht schon gegessen und Mexikos Türchen noch zu. Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen, dann wäre Alfred dran schuld, wenn die Italiener im Achtelfinale ihr letztes Finale haben. Aber so wichtig ist das nicht – Hauptsache, das deutsche Türchen und Torchen bleibt zu und dicht. Gestern konnte ich überraschend Kroatien essen.
Wovon redet die Frau?
Ich? Ach, so!


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Lagerhallen-Blues (Kirsten 7)

Mittwoch, 21. Juni 2006


Hallo, Hallo, bin ich drauf…?
Danke an Nippes-Reporterin Elli, die schwerverletzt das Sofa drückt anstatt den Max. Den Max drücken – das könnte doch auch eine richtig schöne unanständige Formulierung sein für was richtig schönes Unanständiges. Ebenso unanständig klingt das Wort „Blutgrätsche“, mal ganz ehrlich unter uns Papsttöchtern, … noch dazu, wenn es auf einer Damenoberbekleidungstrikotage steht. Als ich das T-Shirt probetrug, dachte ich darüber nach, was ich über eine junge Frau denken würde, auf deren Brust in feiner Schreibschrift „Blutgrätsche“ steht. Erste sehr naheliegende Antwort: Sie menstruiert aktuell. Zweite sehr fernliegende Antwort: Na, Mensch, das ist doch bestimmt eine Werbung, z.B. für eine ganz lustige Online-Kolumne über Fußball.

Ich finde den Schlüssel zu diesem Text noch nicht. Das sagen die Sportkommentatoren gerne mal ganz klug in den ersten zehn Minuten eine Spieles. Die Mannschaft hat den Schlüssel zum Spiel noch nicht gefunden. Um das Tor aufzuschließen?


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Public Viewing! (Kirsten 6)

Donnerstag, 15. Juni 2006


Unglaublich – jetzt wird tatsächlich Fußball gespielt. Ich hatte schon ganz vergessen, worum es eigentlich bei der WM geht. Fußball. Schöne Geräusche waren das. Schnongs wird der Ball getreten und zischt durch die Luft, der fette Vogel Fußball, dessen Flügel die Füße der Menschen sind.
Flapp-Brüll, landet der Ball in einem Tor und bewegt die Gemüter.
Grabsch-Brüll, wird der Ball gehalten und bewegt die Gemüter. Der Torwart schwitzt, der Schiri flitzt, oh, schöner Fehlpass. Gelbe Karten, rote Karten, Landkarten.
Wo liegt eigentlich Costa Rica? Hinter Deutschland. La-La-La-La-Bummbumm. 


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Walisisches Wetter (Kirsten 5)

Donnerstag, 8. Juni 2006


O.k., Entwarnung, die Temperaturen steigen auf weltmeisterliche 18 bis 20 Grad derzeit. Aber Mann, war das kalt in Deutschland in den Tage zuvor. Wahnsinnig widerlich eklatant eklig scheißkühl saukalt, und das sage ich und bin Deutsche. Die armen Fußballteams aus anderen Ländern, die mittlerweile alle da sind, die hier trainieren und frieren und versuchen müssen, ihre Muskeln zu erwämen … aber es war so kalt. So kalt.


Die Brasilianer! Sie trainierten und froren. Die armen Spanier! Sie trainierten und froren.
So kalt war es ja eigentlich gar nicht. Im Winter ist es kälter, aber da ist es so kalt, wie es im Winter eben ist. Letzte Woche es so kalt, wie es im Frühling eigentlich nicht ist, als wie wenn es im Winter hunderttausend Grad minus wäre. Da fror der Ball ja am Rasen fest, brach den Fußballern Eiszapfenrotze an der Nase ab.



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Ruuudi! Vöööller! (Kirsten 4)

Freitag, 2. Juni 2006


Das ist natürlich doof, mehrere Tage nach dem Senden einer Sendung diese Sendung, die ja nun schon gesendet wurde und sicherlich nicht nochmal gesendet wird, so dermaßen zu loben, dass es eigentlich nur ärgerlich ist, zu lesen, was man da verpasst hat, wenn man es verpasst hat … aber ich mach‘s trotzdem.

Ich hab gebabysittet und dabei ferngesehen und das ist total gelogen, aber nur, damit die GEZ nicht weiß, dass ich einen Fernseher habe, was auch total gelogen ist, denn ich habe wirklich keinen, was aber natürlich auch gelogen sein kann, wer weiß das schon?
Wann geht’s denn endlich mal um Fußball?







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Goleo olé! (Kirsten 3)

Samstag, 27. Mai 2006


Tagebuch eines Kolumnenthemas

16.5.2006
… Goleo-Herrsteller in der Krise. Firma Nici, galt bislang als eines der wachstumsstärksten Unternehmen in Bayern. Hohe Produktionszahlen stehen niedrigen Absatzmengen gegenüber …

Juhu, super Kolumnenthema. Ich tippe los:
Ein fröhlich-schlichter Löwe ruiniert das ganze fröhlich-schlichte Bayern. Endlich! Ich haue mit in die Kerbe, dass Goleo der mißlungenste Entwurf eines Maskottchens seit Maskottchengedenken ist. Goleo sieht behämmert aus, schreibe ich, als ob er sofort in die Tatzen patscht, wenn Musik erklingt, und dazu Geräusche zwischen „Höhö“ und „Hui“ von sich gibt. Eine sehr schlicht gestrickte Großkatze. Ich schreibe: ich frage mich, wer den Wurf aus seinem Hirn heraus gebrainstormt hat. Was fällt euch denn bei Fußball ein? Klar, ein Löwe. Und was fällt euch bei Deutschland ein? Ganz klar, ein Löwe. Die Macher haben ihm noch einen sprechenden Fußball als Freund gegeben, damit er nicht so allein ist. Und ein Alter haben sie ihm auch verpasst. Goleo ist 18 Jahre alt. Damit ist er umgerechnet in Menschenjahren ungefähr achtzig. Darum rafft der auch nicht mehr so viel, die große alte Mieze.
Ja, und noch einen drauf!


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Panini viva! (Kirsten 2)

Donnerstag, 18. Mai 2006


Ich habe ein Paninisammelalbum, weil man mir eins geschenkt hat, na
danke. Hätte ich vorher noch empört gerufen: „Mumpitz, solch elendigen
Schwachmatenkrams brauch ich nicht, äks!“, war ich sofort, aber von
jetzt auf gleich, schwer abhängig, als ich die ersten Bildchen
reinklebte. Sowas Tolles hatte ich nicht inna DDR, Lenin hab sie selig.
In der DDR klebte nix selbständig. Da musste alles noch angeleckt
werden und schmeckte nach dreckigem Latsch. Ich klebe also als
Ausgleich für meine nicht selbständig klebende Kindheit jetzt
Fußballprofi für Fußballprofi ins Heftchen.


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Kreuzberger Nächte (Kirsten 1)

Sonntag, 14. Mai 2006


KREUZBERG IST RUHIG

Ein W und ein M also ein umgedrehtes M und dann ein umgedrehtes W, also ein W und ein M, aber andersrum ein M und ein W. Die Welt steht Kopf und wird zur Melt, Melting Pot. Die Mannsbilder werden völlig verrückte Wannsbilder, gröhlende, saufende, schreiende, stinkende, kindische … na ja. Die dazugehörigen Missen wollen davon nichts wissen, sie werden von sanften Meerjungfrauen zu Werwolfjungfrauen. Soweit die Klischees. WM, MW, MM, WW – oh Weh! Tor heißt andersrum rot, genau das sehen die Frauen wegen der Männer, sagen die Männer über die Frauen. Gröbster Unfug.


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Kirsten Fuchs (Interview): «Klinsi is scheiße, ein Land weint» (BZ)

Donnerstag, 11. Mai 2006


WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen, „ein Volk, ein Land, ein Fussball": Nervt dich die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fussballs?
Ach, lenkt doch schön ab! Und es gibt doch wesentlich nervigere Dinge auf der Welt.

Was machst du fussballerisch eigentlich zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006: flüchten, standhalten - oder mitmachen?
Mitmachen! Volle Pulle! Mache ich zwar bei jeder WM, aber diesmal auch noch beruflich. Ich find WM gut, wie sich das im eigenen Land anfühlt, weiß ich noch nicht.


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Kirsten Fuchs: Biographisches

Dienstag, 21. März 2006



(Photo: Stefanie Lamm)

1977 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) geboren, absolvierte eine Ausbildung zur Tischlerin. Mitglied verschiedener Berliner Lesebühnen, schreibt regelmäßig für die "taz". 2003 Siegerin beim renommierten Berliner Literaturwettbewerb Open Mike.


Zu den Büchern (Klick auf das Cover für Details):


Zur Autorenwebsite: www.kirsten-fuchs.de